Berichte aus Peking

30. August 2008

Zurück in Augsburg

Rückflüge von China nach Deutschland sind mir irgendwie lieber, man fliegt nämlich tagsüber, was mir entgegen kommt, da es für mich unmöglich ist, in einem Flugzeug zu schlafen. Ich bin bei meiner Ankunft in München dementsprechend sehr viel fitter als vor knapp vier Monaten, als ich in Peking aus dem Flieger stieg.


Sowieso war der ganze Abflugtag entspannter. Als ich morgens aufwachte, waren meine Koffer schon gepackt und alles stand bereit. So genoss ich mein letztes Frühstück im Hotel, in dem ich wohl als einer der letzten Ausländer gastierte.


Nachdem der Checkout aus dem Hotel problemlos verlief und gleich ein Taxi zum Flughafen vor dem Hotel auf mich wartete, brausten wir über einen der neuen Flughafenzubringer zum Terminal 3.


Auch da gab es keinerlei Probleme, die Schlange am Check-in war kurz, nur hatte mein Koffer über Nacht zugelegt und ich hatte sage und schreibe 4,5 Kilo Übergepäck. Der junge Mann am Schalter hatte aber kein Problem damit, schließlich baumelte aus reiner Gewohnheit meine Akkreditierung für die Olympischen Spiele um den Hals. Das hieß für mich dann Vorzugsbehandlung.


Auch beim Sicherheitscheck durfte ich an der Touristenschlange vorbei zur Olympic Lane laufen und mich dort ohne Warterei durchsuchen lassen. Für was so eine Akkreditierung nicht alles gut sein kann. Allerdings war spätestens im Flugzeug Schluss mit Bevorzugung, da saß ich wie alle anderen Ölsardinen auf engsten Raum – bis ich dann endlich in München landete. Da stand ich nun und wartete auf meinen zu schweren Koffer.


Eine halbe Stunde muss ich warten, was mich dann doch etwas müde macht. Als ich aber draußen im Empfangsbereich meine Freundin, zwei meiner Brüder, meine Mutter, meine kleine Nichte und einen sehr guten Freund stehen sehe, mit Luftballons und „Herzlich Willkommen“-Schilder, ist die Müdigkeit vergessen, ich freue mich einfach nur noch, wieder zu Hause zu sein. Auch wenn die Zeit in China natürlich grandios und aufregend war, meine Familie und Freunde möchte ich für noch längere Zeit nicht missen.


Auf den Weg von München nach Augsburg gibt sich das deutsche Wetter ganz viel Mühe chinesisch zu wirken. Es ist leicht diesig und von Weitsicht kann man eigentlich nicht sprechen. Das Wetter könnte also durchaus nach Peking passen, die Straßen allerdings sind alle sehr viel leerer und das wirkt auf mich dann doch etwas gewöhnungsbedürftig. So wenig Autos, Fahrräder und Menschen sind hier unterwegs.

So ein ganz kleines bisschen vermisse ich China dann doch… .


27. August 2008

Alles ist vorbei - fast

Es war zu erwarten, aber es ist schon erstaunlich, wie schnell hier in Peking wieder alles seinen gewohnten Gang geht. Tag zwei nach den Olympischen Spielen ist angebrochen und irgendwie ist wieder alles wie in den ersten Monaten meines Pekingaufenthalts.



Es ist wieder etwas lauter auf den Straßen, die Menschen strömen wieder in Massen in die U-Bahnen und alle gehen ihren alltäglichen Tätigkeiten nach. Keine Menschentrauben mehr vor den LCD-Bildschirmen in der U-Bahn, die Wettkämpfe übertragen. Keine mit Flaggen beklebten Jugendlichen mehr, die durch die Straßen laufen.


Der Sportzirkus ist weitergezogen Richtung Vancouver, wo 2010 die Olympischen Winterspiele stattfinden werden. In Peking ist es nun weniger bunt und irgendwie weniger glamourös als in den letzten beiden Wochen. Andererseits ist es auch endlich wieder das China, das ich etwas mehr mag, das nicht ganz so gut geschminkte Peking eben.


Doch ab und an blitzt noch mal Olympia durch. Wenn in großen Einkaufsstraßen plötzlich Menschentrauben entstehen, nur weil dort jemand Olympia-Anstecker verkauft, die hier extrem beliebt sind. Oder wenn an den verschiedenen Sehenswürdigkeiten noch Olympiaflaggen und Maskottchen verkauft werden. Selbst die großen Beijing-2008-Souvenirshops sind noch sehr gut besucht.


Als ich dann bei meinem Streifzug über den Tiananmen-Platz entdecke, dass gerade chinesischen Athleten der Olympischen Spiele aus unzähligen Bussen steigen und die Stufen der Großen Halle des Volkes erklimmen, kommt dann doch wieder richtige Olympiastimmung auf.


Die chinesischen Passanten können ihr Glück kaum fassen, rufen ihren Idolen aufgeregt zu und lassen sie noch mal hochleben. Ich erkenne auf die Entfernung allerdings nur die beiden Basketballspieler Yao Ming und Yi Jianlian, die sind dank ihrer Körpergröße einfach nicht zu übersehen.


Hinter mir, auf dem Platz des Himmlischen Friedens allerdings wird gerade das riesige Beijing-Emblem abmontiert und mit zwei gewaltigen Kränen auf den Boden gelegt. Die Olympischen Spiele sind vorbei, aber ein ganz klein wenig versuchen sich die Chinesen das Gefühl, das sie in den letzten beiden Wochen hatten noch zu erhalten.


Der Alltag hat viele allerdings schon wieder eingeholt und auch wenn bald die Paralympics anfangen werden, der Abschied von den Spielen hat die Menschen hier erfasst, auch wenn sie es noch nicht ganz wahr haben wollen.

 


 

26. August 2008

After Games Party

Die Spiele gingen gestern zu Ende, aber erst heut darf das Atos Origin Team der Olympischen Spiele ihre erfolgreiche Arbeit auch gebührend feiern, bei der Atos Origin After Games Party!


Zuvor steht allerdings noch das obligatorische Gruppenfoto an, das auf dem leer gefegten Olympischen Grün vorm Bird’s Nest stattfindet. Es muss ein seltsames Bild sein, als plötzlich 400 türkis gekleidete Atos Origin Mitarbeiter den Vorplatz des Stadions okkupieren.


Die ausgelassen plaudernden Kollegen dann auch noch in eine fotografierbare Aufstellung zu bringen ist eine ziemliche Sisyphusarbeit, gelingt aber nach gut einer halben Stunde. Eine weitere halbe Stunde später sind dann die meisten Fotos im Kasten und die türkise Karawane zieht weiter zu acht bereitstehenden Bussen.


Wo es hingeht zur Party weiß allerdings noch keiner, nur dass ungefähr anderthalb Stunden Fahrt vor uns liegen. Zeit sich etwas zu entspannen also und tatsächlich ziemlich genau anderthalb Stunden später steigen wir aus den Bussen und werden gleich von zwei tanzenden Drachen empfangen. Natürlich keine echten Drachen, jeweils zwei Männer haben sich eine Drachenverkleidung übergeworfen und hüpfen wie verrückt vor einem gewaltigen Tor herum.


Hinter dem Tor eröffnet sich uns ein großer Platz, auf dem 40 Tische stehen und hinter den Tischen steht eine Bühne, auf der groß Atos Origin After Games Party prangert. Umringt wird der Platz von zwei Seerosenteichen und wunderschönen chinesischen Gebäuden im historischen Stil. Ein absolut traumhaftes Ambiente!


Nach einer gewaltigen in-bequeme-Kleider-umzieh-Aktion sitzen dann schon bald alle Mitarbeiter an den Tischen und warten gespannt, wie es weiter geht. Einige sind nach der langen Busfahrt schon etwas ausgemergelt und essen heimlich die bereitstehenden Vorspeisen. Auch ich kann mich da nicht zurückhalten, aber der Hunger war einfach mächtiger.


Als plötzlich ein kleines Feuerwerk losbricht, gibt es nicht nur Jubel, sondern Patrick Adiba, EVP Olympics & Major Events -Global Sales & Markets, betritt die Bühne und bedankt sich bei allen für ihre tolle Arbeit. Viel möchte er allerdings nicht sagen, das möchte er anderen überlassen. Einem Vertreter des BOCOG zum Beispiel, der ein kleines Präsent für die erfolgreiche Arbeit von Atos Origin überreicht. Auch das IOC lässt Glückwünsche für die hervorragende Arbeit übermitteln. Per SMS bedankt sich auch Philippe Germond, Chairman of the Management Board and Chief Executive Officer, bei allen 400 Mitarbeitern, die maßgeblich zum Erfolg der Spiele beigetragen haben.


Besonderen Dank richtet Adiba schließlich an Jeremy Hore, Chief Integrator der Pekinger Olympischen Spiele, Caroline Brunelliere Staffing Director für Major Events China und Michelle Liu, Director, Olympic Marcom & PR. Sie werden von Patrick Adiba kurz auf die Bühne gebeten. Die Drei haben in ihren Bereichen wirklich Beeindruckendes geleistet und hatten für jeden Mitarbeiter ein offenes Ohr. Ich hab alle drei kennenlernen dürfen und es war wirklich toll, wie bemüht sie waren, den Mitarbeitern die Arbeit so angenehm wie möglich zu machen. 


Jeremy Hore übernimmt nach Patrick Adiba das Mikrofon und bedankt sich persönlich noch mal bei allen und zeigt sich selbst sehr stolz über den wirklich reibungslosen Ablauf der Systeme. 
 
Und dann, nachdem alle Kollegen wegen der warmen Worte und des Lobes bis über beide Ohren strahlen, beginnt das große Essen. Mehrere Gänge chinesischer Spezialitäten garniert mit Livemusik aus etwas zu lauten Lautsprechern.


Zwischendurch kommen alle für die Olympischen Spiele zuständigen Atos Origin Manager an den Tischen der Mitarbeiter vorbei und stoßen noch mal persönlich mit jedem Kollegen an, um sich zu bedanken. Eine tolle Geste muss ich sagen und großen Respekt dafür, ich glaube ich habe Jeremy Hore an diesem Abend nicht ein Mal sitzen sehen.


Nach dem Essen wurde dann ausgelassen gefeiert, getanzt und geplaudert. Für viele ist diese Party der Zeitpunkt des Abschiedes. Da will man nach den anstrengenden Wochen natürlich den letzten Abend nochmal ausgiebig genießen. Einige der Volunteers sitzen allerdings zum Zeitpunkt der Party schon im Flieger nach Hause, andere werden in den nächsten Tagen folgen. Wieder andere fliegen von Peking direkt nach Vancouver weiter, um dort bei den Vorbereitungen für die Olympischen Winterspiele 2010 mitzuhelfen.


Nach den Spielen ist vor den Spielen, Verschnaufpause wie heute, kann man sich da nicht oft gönnen. Vor allem, wenn man, wie Atos Origin, trotz fehlerfreier Spiele weiter an Verbesserungen und Optimierungen arbeiten wird – jede Spiele sind eine neue Herausforderung.


Doch auch wenn die Zeichen heute ganz klar auf Abschied stehen, noch ist die Arbeit von Atos Origin in Peking nicht vorbei. In nicht einmal zwei Wochen, am 6. September beginnen die Paralympischen Spiele und dann ist wieder Präzisionsarbeit gefragt.


Diese Aussicht auf noch mehr Arbeit, auf den Abschied oder auf Vorbereitungen der nächsten Spiele, ist heute allerdings vergessen, heute wird die erfolgreiche Arbeit der 400 Atos Origin Kollegen hier in Peking gefeiert. Vancouver 2010 und London 2012 stehen dann morgen wieder auf dem Plan.

 


24. August 2008

Feuerwerk zum Schluss

Ausgelassen war sie, die Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking, kaum eine Spur von Wehmut war zu sehen und zu hören. Heute wollten die Menschen in der Stadt einfach noch mal feiern und die besondere Atmosphäre der Olympischen Spiele genießen.


Da ich leider nicht zu den 90.000 Zuschauern gehörte, die die Feierlichkeiten zum Abschluss im Stadion selbst erleben durften, begebe ich mich zu meinem Lieblingsplatz in Peking, der Nanluoguxiang. In der Altstadtgasse gibt es viele kleine Bars und Cafés und so ziemlich jede überträgt die Abschlussfeier auf Leinwänden oder zumindest kleinen Fernsehern.


Die Bars sind teilweise allerdings so klein, dass manchmal nur 10-20 Gäste hineinpassen, was zwar sehr wenig klingt, aber durch die ununterbrochene Aneinanderreihung von kleinen Kneipen, ist die Nanluoguxiang wohl zu einer der längsten Party-Meilen der Stadt geworden.


Schon beim Herumstreunen im Hutong auf der Suche nach einem passenden Etablissement schlägt mir dadurch die gute Stimmung entgegen. Überall wird gelacht, gefeiert und ab und an gejubelt.


Auch während der Feier kann ich die Ausrufe und das Gelächter der benachbarten Bars und Cafés hören, die Nanluoguxiang, so die Stimmung, ist eine große Bar und alle darin feiern heute den krönenden Abschluss der großartigen Olympischen Spiele. Es macht einfach Spaß heute hier zu sein.


Als pünktlich um 10 Uhr plötzlich der Himmel über dem Stadion aufleuchtet, stürzen viele auf die Dächer einiger Bars, um von dort das Feuerwerk zu sehen, das die Nacht nun bunt erleuchtet. Die Nanluoguxiang liegt genau zwischen dem Olympischen Grün, dem HouHai-See und dem Tiananmen-Platz, also genau zwischen drei Feuerwerk-Hotspots.


Und auch wenn ein paar alte Bäume die Sicht am Himmel verdecken, reicht dieses bisschen, was wir hier zu sehen bekommen aus, um uns zu lauten Ah- und Oh-Rufen zu verleiten. Es ist beeindruckend, was dort an den Himmel gezeichnet wird.


Laut ist es natürlich auch, eine gute Viertelstunde knallt und blitz es am Himmel und am Ende des Spektakels senken sich gewaltige Rauchschwaden auf die Nanluoguxiang, was noch mal deutlich macht, wie viel Feuerwerk hier gerade in die Luft geschossen wurde.


Fast augenblicklich nach dem Ende des Feuerwerks und der Abschlussfeier strömen viele Chinesen nach Hause. In den engen Straßen rund um die Nanluoguxiang stauen sich unzählige Taxis, und viele Fußgänger haben die Suche nach einem freien Taxi aufgegeben und laufen zu Fuß durch die Nacht.


Dass der Aufbruch für viele so abrupt ist, ist verständlich, schon morgen geht das normale Leben weiter. Die Schule und das Studium beginnen wieder, die Arbeit sowieso. Trotz dieser Aussichten für den Wochenstart ist die Stimmung beschwingt. Es war eine schöne Feier, von der die Chinesen noch einige Zeit zehren dürften.


Auch ich laufe zufrieden mit der Gewissheit durch die Nacht, dass mich kein Silvesterfeuerwerk in Deutschland jemals wieder beeindrucken wird.



24. August 2008

Hürdenlauf zum Marthon

Die Nacht war kurz, aber ich stehe um 6:30 vor meinem Hotel. Die Stadt ist scheinbar schon länger wach, um mich herum herrscht schon reges Treiben. Für chinesische Verhältnisse ist dennoch wenig los.


Meine U-Bahn Richtung Tiananmen-Platz ist erfreulich leer und so döse ich noch kurz vor mich hin, bevor ich mich wieder in die Menschenmassen stürze, die um den Platz des himmlischen Friedens aufgelaufen sind.


Wir alle wollen den Start des Endes miterleben, des Endes der Leichtathletikwettbewerbe bei diesen Olympischen Spielen, den Marathonlauf der Männer. Aber viel sehen können wir erst mal nicht, denn das Gelände ist großräumig abgesperrt, keiner kommt in die Nähe des Platzes oder des Startbereichs.


Also drängeln wir uns alle zusammen an einige wenige Stellen, von denen wir den Start sehen können. Und der verläuft dann so plötzlich, dass viele Chinesen, die um mich herum stehen ihn gar nicht mitbekommen. Sie wundern sich nur, wo denn nun die ganzen Läufer hin sind.


Marathonstart


In Windeseile waren allerdings nicht nur die Läufer weg, sondern auch das aufblasbare Starttor verschwunden. Der Marathon hatte begonnen und ich hatte nun etwa zwei Stunden Zeit, um zum Vogelnest zu kommen, gar nicht soviel, wenn man bedenkt, dass ich durch die Absperrungen einen Hindernislauf vor mir hatte.


Nach gut anderthalb Stunden hatte ich es dennoch geschafft und stand auf dem Olympischen Grün, das erstaunlich leer gefegt war. Kaum jemand hatte sich heute früh auf das Gelände verirrt. Allerdings würde es demnächst sowieso gesperrt für die Vorbereitungen der Abschlussfeier, die nach dem Ende des Marathons beginnen würden.


Das Stadion selbst ist gut gefüllt und gespannt auf den Einlauf der Athleten, schließlich sind fast zwei Stunden rum und die ersten Läufer waren schon auf dem Olympischen Grün. Als dann letztlich der einsam an der Spitze laufende Samuel Kamau Wanjiru ins Stadion biegt, brandet Jubel auf. 2 Stunden 6 Minuten und 32 Sekunden zeigt die Uhr, als er einläuft. Olympischer Rekord!


Der Marathonlauf beeindruckt mich immer wieder, vor allem bei den inzwischen doch schon unangenehmen Temperaturen. Wanjiru sieht allerdings nicht mal so aus als würde er schwitzen - wirklich erstaunlich.


Mein Blick wandert dann aber doch in die Mitte des Feldes, auf dem bereits die Bühne für die Abschlusszeremonie bereitsteht. Mit diesem Lauf geht also das letzte Leichtathletikgold an Kenia und das Birds Nest beendet sein Dasein als sportliche Bühne der Olympischen Spiele 2008.


Ein wenig Wehmut ist also angebracht, angesichts des Jubels über Wanjiru wirkt er dennoch etwas fehl am Platze. Noch gibt es ja einige Medaillen zu gewinnen und noch ist mein persönlicher Marathon von 111 Tagen in Peking auch nicht zu Ende. Weiter geht's!



23. August 2008

Gurkenphilosphie

Mit großen Augen hält sie mir die große grüne Gurke entgegen, ich soll abbeißen, gibt sie mir zu verstehen. Das vielleicht 5-jährige chinesische Mädchen winkt so lange mit der Gurke, bis ich ein Stück abbeiße. Dann strahlt sie bis über beide Ohren und ihre Großmutter lacht.


Zuvor war ich kurz neben der Kleinen gelaufen und hatte mit bewundernden Gesten auf ihre viel zu große Gurke gezeigt, die länger als ihr kleiner Arm war. Sie guckte dann abwechselnd mich und die Gurke an, um mir nach kurzem Zögern ein Stück anzubieten.


Das ist einer der besonderen Momente, die ich auf dem großen Olympischen Grün der vergangenen zwei Wochen so gern gehabt habe. Die kleinen Gesten und das völlig vorurteilsfreie Aufeinanderzugehen.


Doch heute ist ein besonderer Tag, nicht nur weil ich ein Stück Gurke essen durfte, sondern weil es der letzte wirkliche Wettkampftag ist. Der letzte Tag für viele Chinesen nochmals den Olympischen Park zu besuchen. Eine halbe Million Menschen sind im Vorfeld für heute erwartet worden. Wenn ich mich so umschaue, sind es wohl ein paar mehr.


MenschenmassenEs ist wirklich so voll wie noch nie, der breite Weg in der Mitte des Grüns ist voll mit Menschen, die den sonnigen Tag und das Gefühl der Olympischen Spiele noch mal erleben wollen.


Im Vogelnest läuft gerade das Fußballfinale der Männer Argentinien gegen Nigeria, doch auf dem Rasen liegen schon jetzt erschöpfte argentinische Fans auf ihren Flaggen. Es ist warm und die Bäume auf dem Rasen spenden kühlen Schatten.


Trotz der Menschenmassen ist es entspannend hier, es ist als wären alle ein wenig erschöpft von den letzten zwei Wochen. Wie nach einer langen Party, bei der irgendwie alle müde sind, aber keiner als Erster gehen möchte. Man weiß, dass diese einmalige Zeit vorübergehen wird, möchte sie aber so lange wie möglich festhalten.


Also sitzen und liegen die Sportfans aus aller Welt wie müde Krieger an Bäume gelehnt und betrachten das imposante Nationalstadion und halten den Moment fest auf den sie so lange warten mussten. Eine sehr seltsame und beeindruckende Stimmung ist das.


Dem kleinen Mädchen ist es allerdings so ziemlich egal, sie hat mit ihrer großen Gurke zu tun. Sie freut sich immer noch, dass ich ihr ein bisschen beim Essen geholfen habe, aber noch liegt einiges vor ihr und das reißt mich dankenswerterweise aus dieser etwas melancholischen Stimmung. Noch sind die Olympischen Spiele nicht zu Ende, es gibt noch einiges zu sehen.



22. August 2008

Moment mal…

Moment mal, den Bart kenn ich doch?! Ich dreh mich noch mal um und tatsächlich, er ist es: Heiner Brand! Er verschwindet gerade ein paar Meter weiter vor mir in einem Kleinbus. Der berühmte Schnauzer des deutschen Handball-Bundestrainers ist auch im Vorbeigehen nicht zu übersehen. Kaum erkannt ist er aber schon im Inneren des Busses verschwunden. Schade, schon wieder kein Foto bekommen.


Ich habe aber auch Pech, entweder sehe ich die deutschen Sportler zu spät oder sie rasen, wie die deutschen Radrennfahrer auf dem Olympischen Grün, eilig an mir vorbei. Trotzdem ist es faszinierend, wie nah hier die Sportstars und Sternchen dem Publikum sind. Selten hat man die Möglichkeit Sportler so aus der Nähe zu bewundern. Ich hab allerdings, wie schon erwähnt, selten das Glück tatsächlich mal einen zu sehen.


Besser geht es da manch Atos Origin Volunteer, die ihren Arbeitsplatz ja quasi direkt neben dem Spielfeld haben. Dort checken sie zwar vornehmlich, ob alle Spieldaten und Ergebnisse in allen Computersystemen korrekt dargestellt werden, aber der ein oder andere Schnappschuss mit Sportlern ist trotzdem drin – schon beneidenswert die Kollegen.


Dass sie zudem auch noch das Glück haben an ihren freien Tagen auf Sportgrößen zu treffen, finde ich dann aber schon ein bisschen unfair. So erzählten mir die Kollegen doch tatsächlich von einem zufälligen Zusammentreffen mit Dirk Nowitzki auf der Großen Mauer. Irgendwas mache ich glaube ich falsch.


Aber was beschwere ich mich, große Namen machen ja noch keine Medaillen und ich möchte nicht wissen, wie oft ich neben unbekannteren Sportlern gestanden habe, ohne sie zu erkennen. So stand ich nach einem Beachvolleyball-Spiel plötzlich neben der brasilianischen Spielerin Renata, die gerade ausgiebig mit ihrer Mutter diskutierte. Hätte ich vorher nicht das Spiel gesehen, hätte ich sie nicht erkannt.


Diese Nähe zu den Sportlern macht die Atmosphäre der Olympischen Spiele aus, auch wenn es manchmal schwer ist, bei über 10.000 Athleten diese als solche überhaupt zu erkennen – leider haben nicht alle so einen markanten Bart wie Heiner Brand.



20. August 2008

IDS - Die Intelligenz der Kommentatoren

Jeder kennt das: Man sieht sich die Olympischen Spiele im Fernsehen an und nebenbei plappert ununterbrochen ein Kommentator Nützliches und Unwichtiges ins Mikrofon und belästigt oder informiert dem Zuschauer mit Zitaten, Biografien oder Anekdoten von den teilnehmenden Sportlern. Der Kommentator, so der Eindruck, den man beim Zuhören von ihm bekommt, ist ein absoluter Fachmann. Dass hinter dem vielen Fachwissen auch Atos Origin stecken kann, musste ich hier auch erst lernen.


Denn der Kommentator von Welt bekommt während der Olympischen Spiele alle Informationen, aktuelle und historische, dank Atos Origin schön übersichtlich geliefert: Information Diffusion Systems (IDS) heißt das Zauberwort.


Startbildschirm CISDas Herzstück des IDS bildet dabei INFO2008, eine gewaltige Datenbank, die Biografien von Sportlern bereitstellt, historische Sportresultate, die bis zu den ersten Spielen 1896 zurückreichen und natürlich auch die aktuellen Resultate, Medaillenspiegel und Rekorde. Auch aktuelle Wettervorhersagen und die Transportmöglichkeiten zu den Venues werden angezeigt.


Genutzt werden kann dieses System von der Olympischen Familie, IOC-Mitgliedern und natürlich auch von den akkreditierten Medien. Dafür stehen 2500 INFO-Terminals in den Venues bereit. Erstmalig bei den Olympischen Spielen 2008 gibt es auch einen Zugang über WLAN.


So informiert hat der Reporter und Kommentator natürlich schon einen gewaltigen Wissensvorsprung vor seinen Zuschauern. Aber so richtig komplett informiert ist er mit dem Commentator Information System (CIS). Damit bekommt der Kommentator nicht nur ein Livebild des Wettkampfes angezeigt, sondern innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde die Ergebnisse geliefert, noch bevor das Jubeln der Zuschauer ausgebrochen ist.


Zusätzlich liefert das System noch Zitate der teilnehmenden Sportler, die sie vor den Wettkämpfen von sich gegeben haben. Die kann der Kommentator dann so ganz nebenbei, wenn mal etwas Leerlauf bei den Wettkämpfen ist, fallen lassen, um gut informiert zu wirken.


Dank CIS ist es nicht mal mehr nötig, dass der Kommentator im Stadion sein muss, nicht mal in Peking müsste er sich befinden. Alle Daten, Informationen und Resultate bekommt er schön übersichtlich von Atos Origin geliefert und kann sie dann an die Millionen Zuschauer weltweit weitergeben.


KommentatorenDa es aber nicht nur Fernsehzuschauer gibt, kann das IDS natürlich noch viel mehr: Es schickt alle Informationen auch an Nachrichtenagenturen weltweit und ebenso an die offizielle Internetseite der Olympischen Spiele 2008. Diese erscheinen dann auf Nachrichtenwebseiten, Sportportalen, aber auch in der kleinen Regionalpresse.


Die Information Diffusion Systems werden ihren Namen also durchaus gerecht, alle wichtigen Informationen über die Olympischen Spiele werden damit gesammelt und der Olympischen Familie der Weltpresse, dem Rundfunk und damit den Millionen Zuschauern zur Verfügung gestellt.


Mein Blick hinter die Kulissen der Olympischen Spiele hat mein Bild über die Sportkommentatoren nachhaltig verändert. Dank CIS könnte sogar ich Synchronschwimmen kommentieren, obwohl ich nicht die geringste Ahnung davon habe.



18. August 2008

Einmalige Momente

Die Olympischen Spiele sind etwas ganz Besonderes, das ist jedem klar, der in diesen Tagen das Glück hat in Peking zu verweilen. Das liegt nicht nur daran, dass die Chinesen seit dem 8. August auf einer wirklich berauschenden Euphoriewelle schwimmen.


Seit 11 Tagen werden sie einfach nicht müde Flaggen schwingend und laut jubelnd in den vielen Stadien zu sitzen, um den Sportlern ihren Respekt und ihre Begeisterung zu zeigen. Natürlich sind die Chinesen nicht alleine für die gute Stimmung verantwortlich, Sportbegeisterte aus aller Welt sorgen nicht nur für gute sondern auch für "bunte" Stimmung, schließlich freut sich jede Nation ein bisschen anders über die Medaillen.


Dass die Olympischen Spiele aber weit mehr sind als eine Medaillenhatz, das sieht man in den Moment, in denen Sportler in den Mittelpunkt rücken, die ganz weit entfernt von einer Medaille sind, aber dennoch alles geben und bis zum Schluss kämpfen.


Eric Moussambani aus Äquatorialguinea war bei Sidney 2000 so ein Fall. Er hatte er acht Monate vor den Olympischen Spielen schwimmen gelernt und durfte dank Fehlstarts seiner Gegner alleine die 100 Meter Freistil schwimmen - er schaffte es gerade so, wurde aber zu einem der bekanntesten Sportler der Olympischen Spiele 2000.

Abdelkader Hachlaf


Zurück in die Gegenwart: 2008 sitze ich im Nationalstadion Pekings und beobachte das Finale im 3000-Meter-Hindernislauf. Das Feld liegt zu Beginn des Rennens dicht zusammen und bleibt auch nach der ersten Runde geschlossen, allerdings hat der sonst recht schnelle Marokkaner Abdelkader Hachlaf mit Problemen zu kämpfen und fällt langsam aber stetig zurück. Zu beginn der letzten Runde liegt er bereits 200 Meter zurück, aber er läuft tapfer weiter.


Und dann passiert das, was bei den Olympischen Spielen einfach anders ist, als bei Weltmeisterschaften oder nationalen Meisterschaften. 90.000 Zuschauer stehen auf und applaudieren dem kämpfenden Marokkaner lautstark zu. Wie eine akustische Welle folgt der Applaus dem Läufer in die letzte Runde.


Gerührt winkt Abdelkader auf der Zielgeraden dem jubelnden Publikum zu, das ihn wie einen Sieger feiert, obwohl weiter vorne die wirklichen Gewinner des Rennens schon ihre Nationalflaggen schwingen.


Als Abdelkader dann gut 30 Sekunden nach dem Rest des Feldes über die Ziellinie läuft, bricht noch einmal ein tosender Applaus los und ich bekomme Gänsehaut. 90.000 Zuschauer schenken ihre ganze Sympathie dem Letzten des Rennens. Das ist genau das, was die Olympischen Spiele eigentlich ausmacht. Es sind nicht nur Medaillen und Rekorde, es sind vor allem diese Gänsehautmomente, die die Olympischen Spiele zu etwas Außergewöhnlichen machen.



15. August 2008

Regenstimmung

Es ist erstaunlich klare Luft draußen, als ich mit dem Taxi in aller Frühe zum Chaoyang Park fahre. Die Straßen sind dummerweise komplett frei und brauche bedeutend weniger Zeit für die Strecke als geplant - kein Stau weit und breit, wenn ich ihn einplane, so ist es ja immer.


Beach Volleyball StadionMein Ziel ist das Beachvolleyballfeld der Olympischen Spiele und da ich sehr früh da bin, habe ich noch genug Zeit das Gelände zu erkunden. Am Wegesrand eröffnen die Budenbesitzer gerade ihre kleinen Stände. Ein Flaggenverkäufer gestaltet sein Verkaufszelt liebevoll mit den verschiedenen Nationalflaggen aus, eine Deutsche hat er leider nicht auf lager. "Sold out" meint er nur und zuckt mit den Schultern. Ist das nun ein gutes oder schlechtes Zeichen überlege ich kurz, entweder besteht zu viel Nachfrage oder zu wenig für deutsche Flaggen.


Die Beachvolleyballanlage ist komplett neu im Chaoyang Park im Osten der Stadt errichtet worden und wird nach den Olympischen Spielen leider wieder verschwinden. Das ist Schade, denn es ist wirklich beeindruckend, selbst die Trainingsfelder sind schöner als unsere zu Hause am Strand. Da bekommt man gleich Lust selbst im Sand herumzuspringen und das kann man auch! Zwei kleine Beachvolleyballfelder wurden für die Zuschauer eingerichtet und viele Chinesen nutzen sie, um sich den Ball zuzupritschen. Das sieht natürlich manchmal etwas unbeholfen aus, sorgt aber für sehr gute Stimmung und die erwarte ich auch beim Beachvolleyball.


Im Stadion selbst wird natürlich nicht unbeholfen gespielt, sondern richtig hochklassig. Sagenhafte 12.000 Zuschauer passen ins Stadion und das ist für Beachvolleyball schon eine beeindruckende Kulisse. Die vielen Zuschauer werden von den Stadionsprechern auf Englisch und Chinesisch und mit toller Musik in richtige Beachvolleyballstimmung gebracht und selbst einsetzender Regen kann daran wenig ändern.


Deutsche FansAls die beiden deutschen Frauen Sara Goller und Laura Ludwig dann im Sand des Center Courts stehen, regnet es nicht nur, sondern es schüttet. Wahre Sturzbäche kommen vom Himmel, aber erstaunlicherweise verlässt kaum einer das Stadion. Plötzlich stehen alle mit bunten Regenponchos auf den Rängen. Je dunkler der Himmel wird, desto besser wird die Stimmung im Stadion, als würden die Fans versuchen mit ihrem Jubel die Regenwolken zu vertreiben.


Meine Schuhe sind völlig durchgeweicht und so langsam wird es kalt, aber die gute Stimmung ist einfach ansteckend. Ein paar deutsche Fans mit Flaggen und bunten Hüten ausgestattet fungieren als Einpeitscher und die chinesischen Zuschauer machen gerne mit. Viele skandieren "DeGou JiaYou!" Auf geht's Deutschland! So angepeitscht gewinnen unsere Damen natürlich gegen ihre griechische Konkurrenz.


Jetzt habe ich zwar bestimmt eine Erkältung bekommen, aber es war wirklich eine unglaublich tolle Stimmung trotz des starken Regens - so machen die Olympischen Spiele spaß, wer guckt da schon aufs Wetter.



18. August 2008

Gut organisiert dank Atos Origin

Ich stehe am Eingang B des Nationalstadions und warte brav in der Schlange um eingelassen zu werden. Weiter vorne winkt mich allerdings ein Volunteer zu sich und als ich dort ankomme guckt er mir angestrengt auf die Brust. Da hängt meine offizielle Olympic Identitiy and Accreditation Card, quasi mein Ausweis für die Olympischen Spiele.


Der Volunteer findet kurz darauf was er sucht, das Kürzel NST steht dort neben einigen anderen und erlaubt mir damit den Zugang zum Vogelnest. Freundlich begrüßt er mich und lässt mich passieren.


AkkreditierungDas war schon vor meiner Ankunft in Peking der für mich am ehesten nachvollziehbare Teil der Arbeit von Atos Origin bei den Olympischen Spielen – das Akkreditierung System. Schließlich darf ja nicht jeder Mitarbeiter, Sportler oder Funktionär überall in den Stadien herumlaufen. Also bekommt man klare Zugangsberechtigungen, die schön übersichtlich auf der Akkreditierung vermerkt werden, wie z.B. NST für National Stadium.


Wie gewaltig allerdings die Vorarbeit für ein solches Zugangsystem sein muss, bekam ich erst hier vor Ort mit. Denn es sind unglaublich viele Menschen, die hier mit Akkreditierungen um den Hals herumlaufen und alle haben einen streng eingegrenzten Zugangsbereich, je nach Art ihrer Arbeit. Ein Volunteer auf dem Olympischen Grün, darf eben nur auf das Olympische Grün und hat meist nur ein OCD (Olympic Green Common Domain) auf seiner Akkreditierung stehen.


Die Berechtigungen für über 340.000 Menschen müssen erst mal verwaltet werden und genau das erledigt eine der Applikationen des Atos Origin Games Management System (GMS). Mit dem Accreditations System werden die beteiligten Personen erfasst und ihnen Rechte zugeteilt, die sie für ihre Arbeit am ehesten benötigen. Ein Sportler muss z.B. durchaus in das Stadion, aber in den Heizungsraum des Stadions muss er dafür nicht gehen.


Aber die Sportler wollen nicht nur in die Stadien kommen, sie müssen dort erst einmal hingelangen. Schließlich gibt es bei diesen Olympischen Spielen der Superlative 37 Venues in sieben verschiedenen Städten. Mit dem Transportation System des GMS kommt der Segler nun nach Qingdao und die Reiterin nach Hong Kong und zwar dann, wenn es auch wirklich notwendig ist. Egal ob mit dem Auto, Zug, Hubschrauber oder Bus, das GMS hilft.


Auch die notwendigen Mitarbeiter hinter den Kulissen, werden so verwaltet. Das Staffing Information System sorgt dafür, dass die Mitarbeiter ihre Schichten auch dann haben, wenn Wettkämpfe stattfinden. Schließlich sorgen sie von der Putzfrau bis zum Sicherheitsdienst für den reibungslosen Ablauf der Wettkämpfe.


Und sollte mal etwas schief laufen und sich ein Athlet bei den Wettkämpfen verletzten, haben die Mediziner dank des Medical Encounters System die Möglichkeit auf womöglich lebenswichtige medizinische Daten zurückzugreifen, die von dem Atos Origin System gesammelt wurden.


Aber das sollte ja während der Spiele hoffentlich nicht passieren. Schließlich zählt hier der sportlich faire Wettkampf. Dass die Qualifikationen für die Finalrunden auch fair ablaufen, sorgt ebenfalls das GMS, was sich leichter anhört als es ist. Jede Sportart hat schließlich andere Voraussetzungen und Bestimmungen.


All das habe ich in den letzten Monaten nach und nach erfahren können und ich hab noch längst nicht alles verstanden, was das GMS noch alles kann. Es ist ein ungeheuer komplexes System, für ein ungeheuer komplexes Sportgroßereignis. Aber ich muss auch nicht alles verstehen, schließlich haben wir dafür viele Kollegen hier vor Ort in Peking. Denn Atos Origin hat das Games Management System nicht nur entworfen, es wird auch von uns betrieben und überwacht.


Die Meisten werden am Ende gar nicht mitbekommen, was für eine immense Arbeit eigentlich dahinter steckt, damit ich einfach meine Akkreditierung einem Volunteer zeigen kann und in das Vogelnest marschieren darf.


Ich bin wirklich froh, erleben zu dürfen, was alles dazugehört, die Olympischen Spiele auszurichten. Und jedes Mal wenn ich in diesen Tagen von Sportlern, Funktionären oder gar Politikern höre, dass die Spiele perfekt organisiert sind und alles wunderbar laufe, dann bin ich stolz, denn Atos Origin hat einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Erfolg.



16. August 2008

Entspannt Spannend

Dass in China Basketball wohl die beliebteste Teamsportart ist, steht wohl außer Frage. Kein Wunder also, dass heute das "Endspiel" im Basketball-Turnier der Olympischen Spiele China gegen Deutschland im Mittelpunkt des Interesses steht. Nur ein Sieg kann eine der beiden Teams in die Endrunde bringen.


Live Site Ditan ParkEin guter Grund für mich, mal die Stadt zu erkunden, um zu erleben, wie die Chinesen denn so ein wichtiges Spiel verfolgen. Mein Ziel ist eine kleine Live Site am Ditan Tan - dem Erdtempel. Dort sollen zwei große Leinwände so gut wie rund um die Uhr die Wettkämpfe der Olympischen Spiele übertragen.


Zu übersehen sind die Leinwände nicht, als ich am Hintereingang des Erdtempels eintreffe, ich bin allerdings doch ziemlich überrascht, dass auf den beiden Riesenbildschirmen kein Basketball flimmert. Zu sehen ist die zweite Lieblingssportart der Chinesen: Tischtennis. Das chinesische Team kämpfte gerade gegen Südkorea um den Einzug in das Finale gegen Deutschland. Verständlich also, dass diese Spiele übertragen werden.


Ein paar Minuten will ich mir diese grandiosen Tischtennisvirtuosen dann doch anschauen und wurde dabei wieder einmal darin bestätigt, dass die Chinesen einfach keine Public Viewing-Typen sind. Trotz des nervenaufreibenden Spiels ließen sich die Zuschauer nur am Ende des Satzes zu einem sehr kurzen Applaus hinreißen, zwischendrin wurde nur hoch konzentriert zugeguckt.


Einzig mein Sitznachbar, ein älterer Herr diskutiert mit seinem Sitznachbarn jeden Ballwechsel. Mal klingt es verächtlich, mal nachdenklich, mal mahnend, aber nie wirklich zufrieden und das, obwohl China den Einzug ins Finale letztlich schaffen wird.


Es ist also mal wieder eine sehr ruhige und bedächtige Stimmung, die hier beim Public Viewing herrscht, wie ich es auch schon bei der Eröffnungsfeier erlebt habe. Selbst als ich dann nach einigem Suchen im verwinkelten Park einen Kiosk finde, an dem sich etwa 50 Chinesen das Basketballspiel auf einem Fernseher ansehen, ändert sich das nicht sonderlich.


Zwar sind die Basketballfans etwas aktiver, aber sie sind wesentlich weniger verbissen bei der Sache, als ich das von Fußballfans kenne. Es wird viel gelacht: Über vergeigte Korbwürfe, über die lustigen Frisuren der deutschen Basketballer und als dann unter einem der Zuschauer der Plastikstuhl mit lautem Krachen zusammenbricht, wird sich die nächsten Minuten nur noch über den etwas beleibten Herren amüsiert.


Ich beschließe noch mal die Location zu wechseln, irgendwo müssen doch die richtigen Fans zu finden sein, die bei jedem Spielzug mitfiebern und ständig über vergeigte Spielzüge meckern. Und tatsächlich, ich finde sie, allerdings an ganz anderer Stelle, als ich sie vermutete: in der U-Bahn.


Dort drängeln sich die Fahrgäste um die kleinen Bildschirme in den Bahnen und fiebern tatsächlich mit, denn das letzte Viertel ist angebrochen und die Deutschen holen auf! Die Bahn rattert weiter durch die Tunnel und an jeder Haltestelle sehe ich das gleiche Bild. Draußen auf den Bahnsteigen stehen Hunderte von Leuten und blicken auf die Bildschrift an der Decke, aber keiner möchte in die U-Bahn einsteigen.


JubelstürmeSo fahren wir Station für Station weiter und niemand steigt ein, weil alle wie gebannt sind von den letzten Minuten des Spiels. Auch ich verpasse fast meine Haltestelle. Ich drängle mich zu den Leuten, die bereits auf dem Bahnsteig stehen und das Spiel verfolgen.


China legt wieder vor und ein paar Sekunden vor Schluss ist schon klar, dass ihnen der Sieg nicht mehr zu nehmen sein wird. Trotzdem warten die Fans bis zum Abpfiff und brechen dann in Jubelgeschrei aus. China ist weiter, Deutschland ist raus!


Zehn Sekunden dauert es und dann? Dann gehen alle still ihrer Wege, der Bahnsteig leert sich als hätte das chinesische Basketballteam nicht gerade einen ihrer größten Erfolge gefeiert.


Die Chinesen, das habe ich heute gelernt, sind sehr pragmatische Sportfans, denn noch ist nichts erreicht. Weder das chinesische Tischtennis- noch das Basketballteam hat eine Medaille gewonnen. Bis dahin gibt es natürlich verhaltenen Applaus, richtig gefeiert wird aber erst, wenn auch eine Medaille gewonnen wurde. Kein Wunder also, dass das mit dem Public Viewing hier nicht so klappt.




14. August 2008

Endlich aufs Grün

Die Flamme brennt und die Tore des Olympischen Grüns haben endlich geöffnet. Ich habe mich auf eine erste Entdeckungstour gemacht. Der Water Cube zog in diesen ersten Tagen natürlich die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Doch auch die unglaubliche Größe des Parks wirkt beeindruckend. Es gibt viel zu entdecken, wie euch mein Video zeigen wird. Hier gehts zum Video in hoher und in niedriger Qualität



13. August 2008

Ein ganz "normaler" Arbeitsplatz

„Eigentlich ist es gar nichts Besonderes, ich mache im Grunde genau das, was ich zu Hause in Essen auch mache“, erzählt mir Ulf Schmidt mit einem schelmischen Lächeln auf dem Gesicht. Irgendwie glaub ich ihm das nicht ganz als Antwort auf meine Frage, was er hier denn mache. Blicken wir doch gerade gemeinsam auf das Olympische Grün und direkt zum Vogelnest mit dem gewaltigen Olympischen Feuer.


Ulf ist Windows Expert im TOC, dem Technical Operation Center, das von Atos Origin betrieben wird und im Digital Headquarter untergebracht ist, also in der technischen Schaltzentrale der Olympischen Spiele. Von dort überwacht und kontrolliert die Technik die IT Systeme und Geräte, die in allen Olympischen Venues aufgestellt sind. Sollte in den Sportstätten etwas schiefgehen, blinken hier die Bildschirme – also alles andere als ein unwichtiger Arbeitsplatz und nicht wirklich „normal“.


Schöne Aussicht


Allerdings ist Ulf auch ein alter Hase was Asien betrifft: „Ich bin schon quer durch die verschiedensten asiatischen Länder gereist, auch China und Peking waren darunter.“ Viel Eingewöhnungszeit brauchte er also nicht für Peking und den etwas anderen Lebensstil hier – er hat schon viel gesehen. Es hatte also einfach gepasst, dass er die Möglichkeit hatte, bei den Olympischen Spielen in China zu arbeiten.


„Trotzdem ist die Arbeit natürlich etwas anders. Die Sicherheitsbestimmungen sind natürlich extrem umfangreich, aber daran gewöhnt man sich schnell.“ Ebenso schnell gewöhnte er sich an seine chinesischen Kollegen: „Die Arbeitsmentalität hat mich wirklich überrascht. Ich hatte eigentlich chinesischen Drill und einen großen Vorschriftenkatalog erwartet, aber es ist dann doch eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre.“ Freundlich und aufgeschlossen seien die Kollegen.


Durch die internationale Besetzung des TOC gibt es auch die Möglichkeit andere Arbeitsmethoden und Mentalitäten kennenzulernen. „Manchmal war ich dann auch schon Vermittler, wenn chinesische und europäische Mentalitäten aufeinandergetroffen sind. Aber wie gesagt, wir haben eine wirklich angenehme Arbeitsatmosphäre. Obwohl es manchmal wirklich hektisch wird.“


Aber dann bietet die Stadt einem genug Entspannung. „Peking hat sich in den vergangen zwei Jahren zum Positiven verändert, der Verkehr ist besser geworden, die Luft, sogar die Leute sind irgendwie zivilisierter geworden“, erzählt mir Ulf aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz.


Erfahrungsgemäß erkundet man laut Ulf eine Stadt übrigens am besten mit dem Bus: „Einfach in den Erstbesten einsteigen und losfahren. So findet man dann das ganz normale China, weit ab von den überfüllten Touristenattraktionen. Da spielen die Leute dann Schach oder Karten am Straßenrand und man erlebt die ganze Atmosphäre Pekings. Das empfehle ich jedem: Setzt euch in den Bus und fahrt einfach drauf los!“


Das hilft, zu entspannen. „Obwohl die Arbeit stressig ist, bin ich hier viel entspannter geworden“, weiß Ulf zu berichten „ich glaube, ich habe mich hier in China noch nie aufregen müssen.“ Und die Olympischen Spiele? Ich bin immer noch verunsichert von Ulfs Kommentar, seine Arbeit sei nicht anders als in Deutschland.


„Doch, doch, ich fiebere schon mit den Olympischen Spiele“, lacht Ulf, als er meine Verunsicherung bemerkt, „das hat allerdings etwas gedauert.“ Seit Ende Februar ist er hier in Peking, aber dieses besondere Gefühl bekam er erst, als die ersten Testwettkämpfe in den Venues stattfanden. „Da wird einem dann plötzlich klar: Hey, da draußen finden gerade Wettkämpfe statt und du passt hier auf, dass alles glatt läuft. Man ist plötzlich Teil davon, das ist ein tolles Gefühl und das ist jetzt gerade bei den Spielen wirklich großartig.“


So richtig los ging es natürlich erst mit der grandiosen Eröffnungsfeier, die Ulf aus nächster Nähe vom DHQ aus beobachten konnte, zumindest das Feuerwerk. „Das war ein Wahnsinnstag, plötzlich war alles voll und wegen der vielen Staatsoberhäupter waren die Sicherheitsbestimmungen enorm hoch. Aber das Feuerwerk hat uns ein bisschen entschädigt, schade, dass wir auch noch arbeiten mussten“, fügt Ulf schmunzelnd hinzu.


So ganz „normal“ ist der Arbeitsplatz also doch nicht. Wo hat man denn sonst noch die Möglichkeit live zu beobachten, wie das Olympische Grün entsteht oder als einer der ersten überhaupt im fertigen Vogelnest zu stehen und Teil dieser Olympischen Spiele zu sein? „Es ist einfach eine tolle Erfahrung hier in dieser Stadt zu leben und zu arbeiten und ich muss gestehen, schon bei der Eröffnungsfeier war mir ein bisschen wehmütig zumute. Das bedeutete schließlich, dass in 17 Tagen schon alles vorbei ist.“


Draußen vor den Fenstern des DHQ brennt sie aber noch, die Flamme der Olympischen Spiele. Deswegen wird hier drinnen kräftig gearbeitet, auch Ulf muss wieder zurück. Als Teil des größten Sportfestes der Welt hat man halt sehr viel zu tun.



12. August 2008

Sportlich Angezogen

Ein Vorteil, wenn man so in kompletter Atos-Origin-Uniform durch die Gegend läuft ist natürlich, dass man von Passanten sofort mit den Olympischen Spielen in Verbindung gebracht wird.


Etwas seltsam ist aber, was die Chinesen dann so in diese Uniform hineininterpretieren. Als ich am Olympischen Grün entlang laufe, spricht mich im Vorbeigehen wie so oft ein Chinese an, ob sein Freund ein Foto von uns beiden machen könne. Und wie so oft sage ich natürlich nicht Nein.


Sportliche UniformWir kommen kurz ins Gespräch, er fragt mich, woher ich komme und was ich denn für einen Sport mache. Sport? Ich stutze, was für einen Sport denn? Er erklärt mir freimütig, dass er mich für einen Athleten hält. Schließlich habe ich eine Uniform an, wo die Olympischen Ringe drauf sind.


Lachend kläre ich ihn auf, dass Atos Origin zwar ziemlich viele sportliche Mitarbeiter hat, aber ich sicherlich nicht unbedingt als Athlet durchgehen würde. Trotzdem frag ich ihn natürlich, in welcher Disziplin er mich denn vorstellen könnte. „Running oder Jumping“, ist seine Antwort und damit liegt er eigentlich ganz gut.


Laufen und Weitsprung waren in meinen frühen Leichtathletik-Tagen meine Paradedisziplinen. Ich scheine mich also noch ganz gut gehalten zu haben, trotz langer, langer Leichtathletik-Abstinenz.


Nachdem ich mich von den beiden jungen Männern verabschiedet habe, begegnen mir noch zwei weitere Pärchen und mehrere junge Mädchen, die mich für einen Athleten halten und nach Fotos fragen. Also entweder ich sehe tatsächlich so sportlich aus oder es ist die Uniform. Ich tippe irgendwie auf Letzteres …



11. August 2008

Wo sind sie denn alle?

Die Spiele laufen und die ersten Medaillen sind vergeben, doch was machen eigentlich die Fans? Ich habe als einzige wirklich große Sportveranstaltung die WM 2006 in Deutschland miterlebet und die hatte für mich natürlich auf Anhieb die Messlatte extrem hoch gelegt. Damals waren die Straßen von einem internationalen Flaggenmeer geflutet worden und überall konnte man mit Fans aus aller Welt feiern und erstmals zeigten die Deutschen ganz ohne Hintergedanken Flagge.


Etwas enttäuscht bin ich derzeit allerdings, dass ich bisher kaum einen deutschen Sportfan getroffen habe, den ich auch als solchen erkannt hätte. Die Deutschen Farben sind hier in Peking bisher so gut wie nicht auszumachen. Wo sind sie denn alle?


Zur Entschuldigung sei gesagt, dass die Spiele erst ein paar Tage alt sind und erst die zweite Woche, wird mit dem Start der Leichtathletik für noch größere Besuchermassen sorgen. Ein bisschen enttäuscht bin aber schon, dass ich so wenig deutsche Flaggen sehe.

Einsame Flagge


Bunt bemalte Amerikaner, Tschechen, Polen, Australier, Brasilianer und viele, viele mehr streifen durch die Straßen und sind die Hauptattraktion für viele Chinesen. Die Deutschen aber halten sich, wie bei den Medaillen, diese ersten Tage noch vornehm zurück.


Freundlich wie die Chinesen sind greifen sie uns da allerdings hilfsbereit unter die Arme. Sehr viele junge Chinesen tragen Deutschland-T-Shirts oder Trikots unserer Fußball-Nationalmannschaft. So kommt wenigstens ein bisschen Schwarz-Rot-Gold unter die Massen.


Der Großteil der Sportbegeisterten trägt natürlich rot. An jeder Straßenecke kann man kleine China-Flaggen kaufen oder Sticker, die man sich ins Gesicht kleben kann. Ein Chinese braucht in diesen Tagen so scheint es mindestens eine kleine Flagge in der Hand und im Gesicht, wenn er aus dem Haus geht.


China ist im Olympia-Rausch und glücklicherweise kann man auch so gut wie überall die Spiele verfolgen. Im Restaurant, im Supermarkt sogar in der U-Bahn gibt es überall Bildschirme, auf denen einzelne Wettbewerbe übertragen werden und um jeden Einzelnen stehen grundsätzlich ein paar fachsimpelnde Chinesen, die die Leistungen der Sportler kommentieren.


Olympia, so zeigen mir die ersten Tage der Spiele ist schon etwas anders, als eine Fußball-WM. Es wirkt irgendwie alles freundlicher und friedlicher. Vielleicht weil es anders als im Fußball keine wirklich großen Rivalitäten gibt. Fast jede Nation hat in irgendeiner Sportart einen Topsportler und in anderen halt nicht. Die USA beherrscht die Schwimmhalle, die Deutschen sind im Reiten gut.


Das trägt dazu bei, dass hier bei den Spielen alles etwas entspannter aber nicht weniger spannend erscheint. Eine wirklich faszinierende Atmosphäre, die ich so nicht erwartet hätte, das tröstet mich dann auch etwas über die fehlenden deutschen Flaggen hinweg.



8. August 2008

Freitag, Eröffnungstag

Endlich soll es losgehen, endlich starten die Olympischen Spiele. Die Aufregung ist förmlich zu spüren. Tausende Chinesen ziehen an diesem Vormittag trotz einer unangenehmen Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit durch die Straßen von Peking.


MenschenmengeEs ist einfach unglaublich, wie viele es sind. Die meisten Pekinger haben für das große Ereignis heute einen Tag freibekommen. Diese Zeit nutzen sie natürlich ausgiebig, um durch die Straßen zu ziehen und die Vorbereitung der großen Feierlichkeiten zu beobachten.


Viele Läden haben geschlossen und wichtige Touristenattraktionen wie der Tiananmen-Platz sind geschlossen. Das führt dazu, dass die Innenstadt aus allen Nähten zu platzen droht. Ich erlebe das erste Mal Staus auf einem Gehweg. Einmal vergehen fast fünf Minuten biss ich mich im Gedränge weiter vorwärts bewegen kann – kaum zu glauben.


Ganz anders ist es dann ein paar Stunden später. Als die Eröffnungsfeier näher rückt, verschwinden die Menschenmassen nach und nach von der Straße, und als ich mich aufmache, um eine Live Site, so heißen hier die Public Viewing- Plätze, zu besuchen, bekomme ich erstmals an einem Abend in Peking einen Sitzplatz in der U-Bahn!


Was für ein seltsamer Tag, erst stehen sich alle gegenseitig auf den Füßen herum und plötzlich ist kaum jemand zu sehen.


Als Live Site hatte ich eigentlich den Chaoyang-Park im Sinn, aber der, so erfahre ich glücklicherweise von einigen unserer Atos Origin-Volunteers, sei nicht geöffnet, da wohl die Leinwand kaputt gegangen sei. Zusammen mit den Freiwilligen aus aller Herren Länder, ging es dann zum Workers Stadium im Osten der Stadt – keine offizielle Live Site, aber eben eine nahegelegene Notlösung.


Harter SitzplatzSitzen muss man einfach auf dem Betonboden der Einfahrt zum Stadion, ein etwa 200 Meter entfernter Bildschirm auf dem Dach des Gebäudes sorgt für ein Livebild. Zu Beginn sind vielleicht gerade mal 200 Menschen auf dem Platz und blicken gespannt auf den Bildschirm – also zur WM bei uns war damals wesentlich mehr los, aber das ist ja auch nur eine Notlösung hier.


Als es endlich losgeht, sind dann doch noch etwas mehr Menschen eingetroffen, etwa 500 Zuschauer beklatschen den Beginn der Feier und zählen kurz darauf den Countdown mit herunter.


Was danach folgt, sind Ahs und Ohs und Jubel aus den Mündern der Schaulustigen, die Feier ist einfach atemberaubend und sorgt für gute Stimmung. Viele Autos bleiben einfach auf der Straße stehen, um der Feier beizuwohnen und lassen damit den Verkehr fast zusammenbrechen.


Die Stimmung ist richtig ausgelassen, als die Länder einlaufen, wird das allerdings kaum noch wahrgenommen. Die Zuschauer plaudern lieber miteinander, lachen, singen und einige tanzen auch miteinander. Die Olympischen Spiele haben hier bei uns auf dem Vorplatz des Workers Stadium schon ein bisschen früher begonnen könnte man meinen.


Die chinesischen Fans sind so ausgelassen, dass sie für einen kurzen Moment sogar die falsche Nation beim Einlauf bejubeln – sie hatten wohl nur das Rot der marokkanischen Flagge gesehen.


Public ViewingAls dann am Ende das „echte“ chinesische Team einläuft, bricht ein frenetischer Jubel aus. Ein unglaublicher Freudentaumel, bei dem die ganze Last und der Druck von den Schultern der Chinesen zu fallen scheinen. Für sie hat Olympia jetzt begonnen.


Fast schon erschöpft betrachten wir nach dem Jubelgeschrei wieder vereint die imposante Entzündung des Olympischen Feuers und hören staunend das abschließende Feuerwerk in der Ferne.


Ab jetzt regieren die Spiele, China kann aufatmen. Der erste Schritt ist geschafft und das sieht man den Menschen an, als ich durch die nicht mehr ganz so warme Nachtluft zur U-Bahn laufe. Viele wirken zwar sehr erschöpft, haben ein breites Grinsen auf dem Gesicht.


Nach dieser Eröffnungsfeier kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen ist die einhellige Meinung er Chinesen. Aber daran haben sie hier ja eigentlich auch nie gezweifelt.



6. August 2008

(Vor)Eröffnungsspiel

Was die wenigsten wissen: Die große – wenn es nach den Chinesen geht, gewaltigste – Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele wird erst am Freitag begangen, die Spiele starten aber genaugenommen schon heute. Die Gruppenspiele für das olympische Frauenfußball-Turnier stehen an und mit Deutschland gegen Brasilien gibt’s gleich einen gewaltigen Knaller zu Beginn.


Zusammen mit einem Sportjournalisten und einem jungen Chinesen Li, der wie ich, in Augsburg studiert, mache ich mich auf, diese vielversprechende Paarung zu verfolgen. Public Viewing konnten wir auf die schnelle irgendwie nicht auftreiben, auch mit Li als Dolmetscher an unserer Seite nicht. Dazu sollte man zu allererst wissen, dass es außerhalb von Deutschland den Begriff Public Viewing für öffentliche Sportübertragungen nicht gibt. In Peking heißen diese Plätze „Live Sites“.


Doch wie gesagt, die sind in einer Stadt wie Peking nicht auf die Schnelle zu finden. Also beschließen wir ganz unkreativ eine Sportsbar in Sanlitun zu suchen und winken uns ein Taxi heran. Li stieg vorne ein, um den Fahrer unsere Wünsche kund zu tun. Einen Dolmetscher hätten wir aber diesmal gar nicht gebraucht. Wir sitzen nämlich beim am besten Englisch sprechenden Taxifahrer in ganz Peking im Auto!


Das verkündete er stolz und wedelte mit einem Zeitungsartikel umher, den er unter der Sonnenblende verstaut hatte. Bei den Pekingweiten Sprachtests hatte er tatsächlich als Bester abgeschnitten und durfte jetzt neben den üblichen Taxikunden auch noch Fernsehteams umherfahren. So schnatterte er fröhlich drauf los.


SportsbarPassend zum Fußball-Nachmittag, der vor uns liegt, erzählt er uns, dass er früher in einer Fußballschule gelernt und lange Zeit selbst gespielt habe. Natürlich sind ihm die Namen Beckenbauer und Rummenigge ein Begriff und den chinesischen Frauenfußball, den findet er sowieso viel besser als den der Männer.


Von so viel Fachsimpelei sind wir natürlich jetzt heiß auf das Spiel und finden nach einigem hin und her auch eine kleine Sportsbar in Sanlitun, die das Spiel überträgt, genauer: In der für uns der Fernseher eingeschaltet wird. Wir sind nämlich die einzigen Gäste bisher, sind aber wirklich genau pünktlich zur Nationalhymne. Im Stadion ist zu so früher Stunde und zwei Tage vor Beginn der Spiele noch nicht so viel los, aber so passt das Fernsehbild wenigstens zu unserer Bar, in der wir zu dritt mit vier Bar-Angestellten sitzen.


Das Spiel ist leider nicht so schön anzusehen, so plaudert Li ein wenig über Frauenfußball. Einige deutsche Spielerinnen, wie Sandra Smisek, sind in China seit der WM im letzten Jahr sehr bekannt und beliebt.


Ein bisschen Fußballstimmung kommt am Ende trotz der spärlichen Gästezahl in der Bar doch auf, als die Angestellten irgendwann aufhören Karten zu spielen und sich auch zu uns gesellen, um das Spiel zu sehen.


Leider endet die Partie mit einem unbefriedigenden 0:0, aber die Spiele sollen ja nicht schon jetzt mit einem Knall beginnen, sondern erst am Freitag ab 8.08 Uhr abends. Und ein Unentschieden gegen Brasilien ist ja nun auch nicht wirklich schlecht, oder?



6. August 2008

Fackellauf mal anders

Es wird heiß! Gestern erreichte die Olympische Fackel Peking und heute startete der Fackellauf. Bis Freitag wird die Flamme durch Peking getragen, damit sie dann am Ende der Eröffnungsfeier das Olympische Feuer entzünden kann.


Als ich heute Morgen in aller Frühe aufbreche, um zusammen mit tausenden Fahnen schwingenden Chinesen die Fackel in Peking willkommen zu heißen, stehe ich gleich vor einem Problem. Zwar kann ich ohne Probleme in die U-Bahn zum Platz des Himmlischen Friedens einsteigen, aber irgendwie hält der Zug nicht an der gewünschten Station. Erst an der nächsten Station kann ich aussteigen und mich auf den Rückweg zum Tiananmen-Platz machen.


Keiner mehr da...Dort kommen mir schon verdächtig viele Chinesen entgegen. Wahre Massen strömen vom Platz des Himmlischen Friedens - kein gutes Zeichen. Vor dem Platz selbst hat sich eine riesige Menschentraube gebildet, die in alle Himmelsrichtungen nur nicht in meine möchte. So drängel ich mich zwischen Chinesen hindurch, die alle bunt mit Flaggen beklebt, bemalt oder darin eingewickelt sind.


Als ich es durch eine Zaunlücke zusammen mit anderen Chinesen geschafft habe auf den Tiananmen-Platz zu gelangen, müssen wir leider enttäuscht erkennen, dass die Fackel schon weitergezogen ist. Lang kann es aber nicht her sein, denn noch stehen sehr viele Zuschauer und Sicherheitsleute in der Gegend herum und der Tiananmen-Platz ist eigentlich noch gesperrt.


Ich versuche schnell die spärlichen Informationen, die ich über den Fackellauf herausfinden konnte, zu rekapitulieren. Die Fackel sollte vom Tiananmen-Platz über die historische Qianmen-Einkaufsraße durch die Straßen getragen werden, bis sie letztlich vier Stunden später am Himmelstempel ihre Reise für heute beenden sollte.


Wie viele andere beginne ich, durch die Straßen zu irren. Immer wieder sehe ich Leute, die nach dem Weg zur Fackel fragen, immer wieder gibt es als Antwort eine andere Richtung, in die man geschickt wird.


Mein persönlicher Fackel(hinterher)lauf führt mich letztlich zum Himmelstempel, hier soll sie ja schließlich ankommen, die Flamme. Die gewaltigen roten Tore zum Tempel sind aber geschlossen, um mich herum wird aber gerade begonnen, die Straße abzusperren. Es scheint als hätte ich die Fahne überholt - aber wo ist sie?


Viele chinesische Touristen lassen nun etwas ermattet ihre Papierfahnen hängen und setzten sich an den Wegesrand. Irgendwann, so ihre Schlussfolgerung, wird die Fackel ja hier vorbei kommen.


KrankameraEin paar 100 Meter weiter, beginnen TV-Teams Kameras aufzustellen und Motorrad-Kameras bereit zu machen. Sie sind aber noch nicht sonderlich weit fortgeschritten mit ihren Vorbereitungen. Außerdem sind sie sehr gemütlich beim Aufbau, was bedeutet, dass es wohl noch locker eine Stunde dauern kann, bis die Fackel hier vorbei kommt!


Mir ist warm, die Füße tun mir weh und meine Wasserflasche ist leer. Ich bin den halben Tag der Fackel hinterhergelaufen. Sie ist da, ich sehe ja überall die Anzeichen: abgesperrte Straßen, viele, viele chinesische Fähnchen, Kamera Teams und begeisterte Chinesen. Aber was ich nicht sehe, ist die Fackel.


Da ich heute noch das ein oder andere zu tun habe, beschließe ich meinen Fackellauf am Himmelstempel zu beenden. Ohne Wasser und schwitzend durch Peking zu laufen, ist einfach nicht schön.


Obwohl ich die Fackel heute nicht gesehen habe, bin ich doch ganz zufrieden. Schließlich hab ich die unglaublich vielen chinesischen Olympiabegeisterten gesehen, die die Straßen säumten und mir damit einen kleinen Vorgeschmack auf die nächsten zwei Wochen gegeben.


Spätestens am Freitag, nach der Eröffnungsfeier wird diese Begeisterung über ganz China und darüber hinausschwappen.



4. August 2008

Olympia kann kommen

Als ich heute vom Mittagessen zu meiner Arbeitsnische im Großraumbüro zurückkehre, steht auf meinem Stuhl eine große vollgepackte graue Tasche mit meinem Namen auf einem grünen Schild. Auf der Seite prangert das Atos Origin- und das Olympia-Logo. Das kann nur eins bedeuten: Meine hochoffizielle Atos Origin-Uniform ist endlich da!


AO-ShirtEin kommt mir ein klein wenig wie Weihnachten vor, als ich die Tasche aufmache und sie erst mal ausgiebig durchwühle. Vier türkis-weiße Poloshirts kann ich ausmachen, zwei Hosen, zwei Basecaps, einen Rucksack, eine Umhängetasche und eine ziemlich fesche Windjacke. Wozu hab ich denn überhaupt selbst Kleidung mitgenommen?! Ich weiß, sonst hätte ich die ersten Wochen ja nichts zum Anziehen gehabt. Jetzt allerdings bin ich komplett ausgestattet und unübersehbar Mitarbeiter von Atos-Origin, wenn ich in voller Montur herumlaufe.


Wie die Uniform angezogen aussieht, kann ich auch gleich sehen. Denn während ich noch in meiner Tasche herumwühle, kommt ein Trupp AO-Volunteers durch das Büro geschwirrt. Unschwer zu erkennen an der Atos-Origin-Uniform. Die Hospitality-Volunteers sind ins Lido-Office gekommen, um ihren ersten Schulungstag zu bestreiten.


Denn die nächsten Tage bis zum Startschuss werden kräftig für Olympia gepaukt. Ein schweres Programm, denn nicht wenige der rund 10 Volunteers sehen etwas übernächtigt aus. Das ist allerdings auch kein Wunder, schließlich sind die 73 Volunteers von Atos Origin erst gestern eingetroffen und der Jetlag macht sich natürlich gnadenlos bemerkbar - ich kann ein Lied davon singen.


Trotzdem lernen die freiwilligen Helfer derzeit überall in der Stadt verstreut, um Atos Origin während der Spiele gut zur repräsentieren. Dabei ist mit der schicken Uniform doch der erste Schritt schon getan, aber gut auszusehen ist ja nun auch nicht alles …



3. August

Umziehen

Heute war es soweit, ich musste raus. Raus aus meinem Appartement, dass für die letzten drei Monate mein Zuhause gewesen war. Ein bisschen wehmütig ist mir dann zwar doch auszuziehen, aber für die Spiele ist es einfach besser ein bisschen näher an den Kollegen zu sein.


Also packe ich meine sieben Sachen, die irgendwie ziemlich schwer geworden waren über die letzten Monate und roller mit ihnen Richtung Innenstadt. Na gut, ich roller bis zum Taxi mit meinem schweren Koffer und wuchte ihn dann in den Kofferraum. Den Rest erledigt der kompetente Taxifahrer. Der präsentiert mir übrigens gleich seine neue Uniform, ein gelbes Hemd mit dunkler Hose dazu - extra für Olympia an sämtliche Taxifahrer Pekings verteilt. Zusätzlich hatte der Fahrer noch eine kleine Olympiaflagge auf die Ecke der Frontscheibe geklebt.


HotelzimmerSo geht es dann mit den etwas nervigen Klängen von chinesischer Radiowerbung zu meinem neuem Domizil, einem sehr zentral gelegenen Hotel unweit des Tiananmenplatzes. Der Check-in geht recht flott über die Bühne, bis auf ein paar organisatorische Sachen natürlich. Irgendwie hat das Hotel zwei Reservierungen für mich vorbereitet und das verwirrte das Hotelpersonal etwas. Aber nach kurzer Zeit und der Nachfrage bei drei oder vier Kollegen kann ich dann mein kleines Kämmerchen beziehen. Das 14qm-Hotel-Zimmer wirkt natürlich sehr klein, wenn man drei Monate in einem großen Appartment gewohnt hat, aber es ist alles drin, was ich brauche: ein Bett, ein Schreibtisch und eine Dusche.


Wie so oft funktioniert das komplette kleine Bad als Dusche. Einzig ein Duschvorhang in der Mitte sorgt dafür, dass die Toilette nicht nass wird. So etwas wirkt beim ersten Mal etwas gewöhnungsbedürftig, ist in China aber sehr, sehr häufig zu finden.


Da mich das ganze Koffer schieben und Taschen schleppen bei 35°C ganz schön geschafft hatte, beschließe ich ein wenig die Umgebung zu erkunden - man will ja wissen, wo man wohnt.


Der erste Eindruck ist: Man ist das voll hier! Obwohl ich immer dachte, bei meinem letzten Wohnort war schon viel los, wird das mitten in der Stadt problemlos getoppt. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass neben dem Hotel zwei gewaltige Kaufhäuser stehen - versorgt bin ich also für die nächsten Wochen.


Das Beste an meinem Hotel ist aber die direkte Nachbarschaft zur U-Bahnstation Chongwenmen, an der sich die Linie 2 und 5 kreuzt - besser geht's nicht! Trotz der fortgeschrittenen Stunde ist es noch extrem warm, also entschließe ich meine Erkundungstour abzukürzen, an Restaurants und Supermärkten mangelt es hier jedenfalls nicht. Eine tolle Gegend.


Zurück im Hotel beschließe ich mit einer kleinen Dusche den Abend einzuleiten, was mir nicht ganz gelingen will: es kommt nur kaltes Wasser aus der Brause! Ein kleiner Hilferuf in Richtung der Hotelrezeption bringt da Abhilfe. Der Hauswart, der kurze Zeit später auftaucht läuft aufgeregt in mein Bad, spielt an den Wasserhähnen herum und nach einiger Zeit läuft das Wasser wieder. Das sind die geheimen Fähigkeiten der Chinesen, die für mich als Ausländer wohl immer verborgen bleiben werden. Ich weiß einfach nicht wie, aber sie bringen alles zum Laufen, wirklich erstaunlich.


Das Wichtigste ist aber: Ich kann jetzt endlich meinen Feierabend einleiten! Die nächsten Tage werde ich meine Umgebung noch näher untersuchen müssen, ich glaube da gibt es noch einiges zu entdecken.


1. August 2008

Abendstimmung

AbendstimmungDie Sonne strahlt abendlich rot, am Himmel zeichnen ein paar Federwolken vorm tief-blauen Himmel ein wunderschönes friedliches Bild. Die Temperatur ist an diesem Abend genau richtig, perfekt für einen Spaziergang am Olympischen Grün.


Diese Idee hatte ich wohl nicht alleine kommt mir in den Sinn, als ich die Menschenmassen sehe, die in endlos scheinenden Schlangen, um das Gelände ziehen und eifrig Fotos knipsen. Es ist aber anders, als vor drei Monaten, als ich das erste Mal vor dem Stadion stand. Inzwischen haben sich deutlich mehr Ausländer unter die chinesischen Touristen gemischt. Sie alle zusammen bestaunen an diesem Abend aber gleichermaßen das wunderschön beleuchtete Olympiastadion und den Water Cube.


Vor dem Nationalen Wassersportzentrum, das heute Abend aus unbekannten Gründen mal nicht blau leuchtet, versammeln sich alle Sportfans auf einen großen Vorplatz, staunen, lachen und erzählen aufgeregt durcheinander. Ich stehe mittendrin und erlebe hier zum ersten Mal einen kleinen Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele.


Eine ausgelassene Stimmung herrscht hier. Menschen aus aller Welt stehen vor den Stadien, fotografieren sich gegenseitig und versuchen kleine Gespräche zu führen, auch wenn die Sprachbarriere manchmal sehr groß ist. Wenn man sich nicht wirklich versteht, dann wird viel zusammen gelacht. Ein Hauch vom Olympischen Geist schwebt hier schon über uns, so kommt es mir vor.


Ein kleines, vielleicht 8-jähriges, chinesisches Mädchen kommt auf mich zugelaufen, ihre Eltern können sie kaum bremsen. Sie grüßt mich höflich und fragt ganz aufgeregt, ob sie ein Foto mit mir machen kann - sie strahlt über das ganze Gesicht, als ich zustimme.


Bitte lächeln"YI, ER, SAN!" ruft ihr Vater mit der Kamera und wir grinsen beide breit in die Kamera. Die Kleine bedankt sich eifrig und auch ihre Eltern versuchen es, können aber kein Englisch. Deswegen bedankt sich die Kleine auch für ihre Eltern und alle drei ziehen weiter.


Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich mit Chinesen, aber auch Ausländern zusammen vor den Stadien posierte. An die fünf Mal sprechen mich noch Menschen an, die Fotos machen wollen. Mal wollen sie mit mir fotografiert werden, mal soll ich sie fotografieren. Es ist ein ständiges Tauschen von Fotoapparaten, als gebe es die stille Übereinkunft: Du machst ein Foto von mir, ich eins von dir und ein Dritter von uns beiden.


Irgendwann später am Abend setze ich mich einfach nur noch am Rand des Platzes und beobachte die Menschen, wie sie sich an den Stadien erfreuen, wie sich Ausländer und Einheimische neugierig, aber noch ein bisschen schüchtern versuchen einander näher zu kommen.


An diesem Abend, auf diesem Platz, mit diesen Menschen da gibt es für mich keinen Zweifel, dass die Spiele für Athleten und Sportfans eine ganz besondere Zeit werden.


31. Juli 2008

Kollegenplausch

Es ist endlich mal ein etwas kühlerer Tag heute. Ein kurzer Schauer hatte mich kalt erwischt, als ich von der U-Bahnstation zum Treffpunkt gelaufen war, aber jetzt saßen wir gemütlich unter einem Pavillon auf dem Dach eines Altstadt-Cafés. Ich bin froh, dass ich mich mit Karim Samir treffen konnte. Karim, dessen eigentlicher Arbeitsplatz bei Atos Origin in Köln ist, ist seit Anfang des Jahres im Olympia-Team. Derzeit ist es fast so schwer sich mit einem Kollegen aus dem DHQ (Digitales Hauptquartier der Olympischen Spiele) zu treffen, wie eine Audienz beim Papst zu bekommen. Das klingt jetzt vielleicht etwas übertrieben, aber es ist wirklich sehr schwer.


Karim vorm Water CubeIm DHQ wird nämlich schon in 12-Stunden-Schichten gearbeitet, da bleibt nicht viel Zeit für Privates. Jetzt sitzen wir aber hier, blicken über die Dächer der Hutongs und sinnieren über unsere Zeit in Peking, mich interessiert natürlich mehr Karims Zeit. Denn der sitzt ja quasi direkt an der Quelle der Veränderung, im DHQ mit Panoramablick auf das Olympischen Grün samt Olympiastadion, Water Cube und den anderen Stadien.


„Das lässt natürlich die Vorfreude auf Olympia fast zwangsläufig steigen, wenn man tagtäglich die Vorbereitungen da unten beobachten kann“, erklärt er dann auch gleich. Gesehen hat er viel in seiner Zeit. Seit Januar arbeitet er in der digitalen Schaltzentrale der Spiele. „Als ich ankam, sah es nicht so aus, als würden die das alles schaffen bis zu den Spielen. Das Olympische Grün glich einer riesigen Baustelle, aber als ich dann mit eigenen Augen gesehen habe, wie hunderte Arbeiter innerhalb kürzester Zeit tausende Bäume pflanzten, habe ich meine Meinung geändert“, fügt er lachend hinzu.


Als er im Januar hier ankam, war einiges noch nicht fertig: „Die zweisprachigen Schilder, die es jetzt überall gibt, waren größtenteils noch nicht da. Ich weiß jetzt, wie sich ein Analphabet fühlen muss“, wieder lachen wir.


Karim fand sich trotzdem schnell zurecht, ohne Vorurteile und wertneutral wollte er den Chinesen begegnen. Er hatte sich in Deutschland zur Vorbereitung nur einen Reiseführer gekauft, um am Anfang etwas Orientierung zu haben. „Gerade in dieser Anfangszeit habe ich bebilderte Speisekarten schätzen gelernt“, schmunzelt er. Durch die Unvoreingenommenheit hätte man viel zu entdecken gehabt und alles bliebe sehr spannend, wenn man in der Stadt unterwegs sei bilanziert er seine erste Zeit.


Spannend ist aber natürlich vor allem die Arbeit. „Ich hatte damals, vor drei einhalb Jahren, als ich mich bei Atos Origin beworben hatte, schon irgendwie auch die Hoffnung irgendwann mal bei Olympia dabei zu sein. Das schwebte so im Hinterkopf. Dass es dann so schnell klappen würde, hätte ich nicht gedacht. Die Arbeit ist einfach toll, ein Traum.“, erklärt mir Karim begeistert.


Karim ist Helpdesk Manager für IT & other Technology. Seine Abteilung ist also die erste Instanz, wenn an den Veranstaltungsorten Probleme auftreten. Als First Level Support versucht er den Kunden schon erste Hilfestellungen anzubieten, bei komplexen Problemen werden sie dann aber an die zuständigen Kollegen weitervermittelt.


DHQ - Karims ArbeitsplatzKarim hat aber natürlich noch viel mehr zu tun arbeitet er nicht nur im. Vor allem die Personalplanung war eine ganz neue Aufgabe für ihn. Er war maßgeblich daran beteiligt sein Team zusammenzustellen und Schulungskonzepte zu verfeinern. Erschwerend kam hinzu, dass sein Team aus Berufsanfängern und Studenten bestand, die wenig Erfahrungen hatten und, dass er mit seiner Arbeit nicht nur persönliches Neuland betrat. „Wir konnten auf keinerlei Erfahrungswerte aus vorangegangenen Spielen zurückgreifen, ein zentrales Helpdesk gab es bisher noch nicht“, erläutert er mir.


Diese Pionierarbeit und auch die vielen Tests und Probeläufe, in den man viele Prozesse verfeinern und vereinfachen konnte, formte aus Karims Team eine eingeschworene Gemeinschaft. „Es ist toll mit ihnen zu arbeiten, sie sind füreinander da und sind wirklich gut, indem was sie tun“ erklärt er stolz.


Er selbst hat sich auch weiterentwickelt, schließlich ist er nicht nur für das Helpdesk da, er ist auch dafür zuständig Prozesse anderer Teams im Auge zu behalten und „glatt zu streichen“, wie er es elegant formuliert.


„Es ist alles wahnsinnig spannend, weil der Job so abwechslungsreich ist und so viel zu tun ist. Man kann vieles verbessern und optimieren und so seinen Teil für das Gelingen der Spiele beitragen“, resümiert Karim die letzten Monate. Doch die nächsten Tage sollten dann ruhiger werden. Zu den Spielen, so hoffe er, ist dann nichts mehr los. Denn das würde heißen, dass die anderen Jungs aus den anderen Teams ihre Arbeit richtig gemacht haben und die Spiele reibungslos ablaufen können.


Trotzdem wird Karim natürlich seine 12 Stunden im DHQ bereitstehen, zu tun gibt es immer: „Auch wenn es nur kleine Probleme sind, wir sind Profis und das versuchen wir auch unseren Kunden rüberzubringen. Jedes Problem wird sorgfältig aufgenommen und gelöst“, erklärt er mir ernst.


Auch wenn er nach 12 Stunden Arbeit meist todmüde ins Bett fällt, möchte er im Moment mit niemandem tauschen. „Es macht einfach so unglaublich viel Spaß hier zu arbeiten, um mit den Kollegen für tolle Spiele zu sorgen.“ Ich glaube ihm das ohne Zweifel, die nächste Zeit werde ich Karim wohl nicht sehen können und auch nach den Spielen wird er wohl kaum Zeit haben. Da stehen dann schon die Paralympischen Spiele vor der Tür, bei denen er und sein Team auch dabei sein werden.


Als wir aufbrechen von der kühlen Dachterrasse des Cafés, schlendern wir noch durch die Hutongs und sind uns einig, dass hier in den letzten Monaten sehr viel verändert worden ist und beide hoffen wir, dass dieser Aufwand sich auszahlen wird. Karim hofft das sicherlich noch viel mehr als ich, denn es steckt sehr viel von seinem Herzblut in diesen Spielen.



28. Juli 2008

Eroberung des Grüns

Es ist ja schon eine kleine Tradition geworden, meine Inspektionstouren am olympischen Grün entlang. Noch ist alles verschlossen, aber es hat sich viel getan, knappe zwei Wochen vor der großen Eröffnungsfeier.


Nicht nur, dass deutlich mehr ausländische Besucher an den Zäunen vor’m Vogelnest stehen, um sich fotografieren zu lassen, heimlich still und leise, verschwinden auch einige Absperrungen. So bekommt man das Gefühl, dass sich die in- und ausländischen Besucher Pekings so langsam das Olympische Grün erobern. Stück für Stück fallen die Zäune, immer näher kommt man an die Stadien heran. Den Water cube kann man inzwischen aus nächster Nähe betrachten.


Olympischen GrünTrotzdem werden natürlich viele Zäune bis zum Ende der Spiele stehen bleiben, schließlich gibt es Sicherheitszonen einzuhalten. Dennoch kommt man immer stärker in diese besondere olympische Stimmung, wenn vor einem plötzlich große gelbe Hinweistafeln auftauchen, die einem die Richtung zu den Eingängen der Sportstätten weisen. Die Eingangsschleusen selbst sind auch schon fertig und stehen bunt leuchtend bereit, um die vielen tausend Fans einzulassen.


Hinter den Eingängen erstreckt sich das Grün, das sich trotz der vielen Volunteers und Mitarbeitern auf dem Gelände friedlich und ruhig vor einem ausbreitet. Es ist als würde es in einem Dornröschenschlaf verharren und nur darauf warten, dass sich die Schleusen öffnen und die Besucher hereinlassen. Aber vielleicht verwechsele ich diese Ruhe auch mit einer zittrigen Anspannung. Schließlich ist nun wirklich alles fertig, alles steht bereit, alles wartet nur noch auf den Startschuss.


Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus beiden, die Ruhe vor dem olympischen Sturm, der über die Stadt wirbeln und für aufregende Spiele sorgen soll und die Anspannung, die in den letzten sieben Jahren immer weiter gewachsen ist und nun dafür sorgt, dass die ganze Stadt zu vibrieren scheint und es kaum noch erwarten kann, dass es endlich losgeht.


Die wegfallenden Bauzäune, die Hinweisschilder und die Olympischen Banner überall sorgen dafür, dass die Olympischen Spiele greifbarer werden. Waren sie selbst in den letzten Monaten für viele noch eine abstrakte Vorstellung, sind sie jetzt für jeden sichtbar und real. Vor allem seit letztem Sonntag, als das Olympische Dorf eröffnet wurde und die ersten Athleten eingetroffen sind.


Die Olympischen Spiele sind ein Traum des Chinesischen Volkes wird oft geschrieben. Dieser Traum beginnt gerade, nach sieben Jahren harter Vorbereitung wahr zu werden und so langsam beginnen die Pekinger das zu realisieren. Lange wird diese angespannte Ruhe, die ich auf meinen Spaziergängen um das Olympische Grün bisher erlebt habe wohl nicht mehr währen. Machen wir uns bereit zu jubeln.



27. Juli 2008

Sonntage

Nach fast drei Monaten im Reich der Mitte ist es mir dann doch endlich aufgefallen. Mir fehlt tatsächlich etwas. Die Rede ist jetzt nicht von Familie und Freunden, dass die einem bei langen Auslandsaufenthalten über kurz oder lang fehlen, ist ja klar. Nein, mir geht es um etwas viel Banaleres, etwas so Selbstverständliches, dass ich bisher nicht drauf gekommen bin. Mir fehlen die Sonntage.


Sonntage in Deutschland strahlen, egal ob man nun in einer Großstadt wohnt oder in einem Dorf hinterm Wald, eine gewisse Ruhe aus. Ein alle-viere-von-sich-strecken-Gefühl. Läden und Büros sind geschlossen, der Wecker ist aus und nur der Duft von frischen Brötchen und – in meinem Fall – Brezen kann einem aus dem Bett locken. Der Sonntag ist irgendwie ein besonderer Tag, für besondere Rituale. Der eine geht in die Kirche, der andere treibt sich auf Floh- und Trödelmärkten rum, wieder andere entspannen in ihrem Garten. Das Wichtigste dabei ist, dass es nichts Alltägliches ist.


Dass sich dieses Gefühl in Peking nicht einstellt, liegt nicht unbedingt daran, dass es hier schwer ist, Brötchen und Brezen aufzutreiben, sondern daran, dass sich der Sonntag in vielen Dingen nicht von anderen Wochentagen unterscheidet. Der Sonntag entspricht in China in etwa dem Samstag bei uns. Es ist etwas weniger los auf den Straßen, die Büros sind zu, aber die Geschäfte offen. Einige haben frei, aber viele müssen trotzdem arbeiten.


Sicherlich könnte man jetzt sagen, es liegt doch an einem selbst, ob der Sonntag auch in China ein entspannter Sonntag wird und irgendwie stimmt das ja auch. Aber wenn ich an einem Sonntag von Hämmern und Klopfen in der Wohnung über mir geweckt werde, der Rasen vorm Haus gemäht wird und gegenüber neue Laternen installiert werden, dann wirkt das auf mich nicht unbedingt wie ein richtiger Sonntag.


Diese betriebsame Hektik treibt einem immer wieder selbst an, irgendetwas zu tun und nicht dem Müßiggang zu verfallen. Das ist mir das erste Mal in diesen drei Monaten aufgefallen, als ich am Sonntag kurz im Schatten eines Baumes vor einem Café sitze und schon wieder daran denke, dass ich ja noch einkaufen muss und einige andere Dinge zu erledigen sind.


Ein Tag der Entspannung und Kontemplation sieht irgendwie anders aus und in all der Hektik und dem unglaublichen Tempo das Peking einem ständig vorlebt, ist mir das bisher tatsächlich nicht aufgefallen. Also beschließe ich das einzig Richtige in so einer Situation: Ich mache mich auf, einen Park zu besuchen, um einen Sonntag zu erleben. Keinen der Großen und Vollen, eher einen Kleinen ohne viel Hektik. Der Ditan Park fällt mir da ein, der Tempel der Erde, das kleine Gegenstück zum Tempel des Himmels.


Da sitze ich also nun und versuche einen Sonntag entstehen zu lassen, wie ich ihn in Deutschland immer erlebe. Es ist schwer, denn trotz der relativ wenigen Besucher, ist es einfach laut und geschäftig. Aber ich gebe nicht auf und tatsächlich, für einen kleinen Moment, als der Wind durch die Zypressen streicht und die Welt für einen kurzen Moment still ist, ist es tatsächlich Sonntag.


24. Juli 2008

Schnappschuss

Für viele Chinesen ist es einfach nur peinlich, aber trotzdem passiert es ständig. Ausländer werden von Einheimischen fotografiert.


So spaziere ich bei schönstem Sonnenschein auf dem Tiananmen-Platz herum und werde sehr auffällig von einer kleinen Gruppe Chinesen beobachtet. Sie zeigen auf mich und tuscheln aufgeregt. Eine kleine resolut wirkende Frau mit dunkler Haut kommt schließlich auf mich zu marschiert und fragt in etwas umständlichen Englisch, ob sie mich denn fotografieren dürfen, natürlich mit allen Leuten aus der Gruppe auf dem Bild.


Da ich keine Einwände habe scharen sich die fünf kleinen Chinesen um mich und wir lachen alle zusammen in die Kamera. Ich frage mich, was die Chinesen dann mit diesen Bildern eigentlich machen – ich hoffe ich stehe jetzt auf keinem Kamin. Aber noch mehr frage ich mich, was sie mit den Bildern machen, die sie heimlich fotografieren.


Als ich mich nach dem Foto weiter über den Platz schlendere, werde ich drei oder vier Mal, verstohlen fotografiert. Kleine Mädchen und ältere Herren zücken ihre Handykameras und versuchen mich unauffällig zu fotografieren und manchmal stellen sich dabei sehr, sehr auffällig an. Ein Mensch, der rückwärts vor einem läuft und sein Handy vor sich hält, um zu fotografieren, ist irgendwie unübersehbar.


Den alteingesessenen Pekingern ist das natürlich peinlich, manche wollen mir gar nicht glauben, dass einige ihrer Landsleute so etwas tun. „Das kann nicht sein, das kann ich nicht glauben“, ist die Antwort, die ich bei solchen Gesprächen immer erhalte.


Chinesen beim ModellstehenTrotzdem fotografieren sie gerne, die Einheimischen, aber auf ihre Künste sollte man lieber nicht vertrauen. Jedes Mal, wenn ich meine Kamera einen Chinesen in die Hand drücke, dass er ein Foto von mir vor einer Sehenswürdigkeit macht, dann bin ich meistens als Einziges auf dem Bild zu erkennen und die Sehenswürdigkeit ist gerade mal ansatzweise zu sehen. Dass ich mit der Sehenswürdigkeit auf dem Bild sein möchte, ist dann manchmal sehr schwer zu vermitteln.


Das hängt aber auch damit zusammen, dass Chinesen sehr gerne Menschen fotografieren. Wenn ich ab und an mal stehen bleibe und ein Gebäude, ein Schild oder einfach nur die volle Straße fotografieren möchte, bleiben immer zwei, drei Pekinger stehen und beobachten mich erstaunt, wie ich denn so etwas Belangloses fotografieren könne.


Als ich dann in einem belebten Hutong lande und gerade mal wieder etwas unglaublich Belangloses fotografiere, werde ich selbst fotografiert. Heimlich natürlich. Diesmal kann ich mir irgendwie denken, was der Fotograf, ein älterer Herr mit leicht angegrauten Haaren, seinen Freunden erzählen wird: „Guckt mal dieser Laowei, der hat diese Bruchbude fotografiert!“ Und alle werden das Bild verwundert ansehen und nur den Kopf schütteln. Was denn bloß immer in diesen Ausländern vorgeht.





23. Juli 2008

Flüchtige Tradition

Es ist mal wieder sehr warm und ich suche ein wenig Schatten in einem Park. Als ich meine schmerzenden Füße auf einer schattigen Bank ausruhe, sehe ich in der Ferne ein paar ältere Leute herumstehen, die hoch konzentriert auf dem Boden starren.


WasserkalligrafIm Zentrum des Interesses steht ein älterer Herr mit einem langen Stock in der Hand. Meine Neugier ist geweckt, ich wandere zu der Gruppe und bin überrascht, was ich sehe. Der alte Mann hält keinen Stock in der Hand, sondern einen langen Pinsel!


Diesen tunkt er gerade in einen kleinen Behälter, der allerdings keine Farbe enthält, sondern einfaches Wasser. Auf dem Boden vor ihm stehen kompliziert verschlungene chinesische Schriftzeichen gemalt mit eben diesem Wasser. Die ersten Zeichen beginnen schon wieder leicht zu verblassen, das Wasser verdunstet bei dem Wetter natürlich sehr schnell.


Der Mann mit dem Pinsel tunkt gedankenverloren in seinem Wasser herum und studiert in einem Notizbuch seine Vorlage, die er auf dem Boden bannen möchte. Das Buch ist vollgekritzelt mit Kalligrafien. Er scheint allerdings nicht ganz zufrieden zu sein, er fährt das nächste Zeichen erst einmal in der Luft nach, bevor er es mit Wasser für kurze Zeit auf den Boden bannt. Die älteren Herren die herumstehen nicken zustimmend, als er das Zeichen vollendet hat.


Lesen kann ich es leider nicht, auch kann mir keiner von den Umstehenden erklären, was da auf dem Boden verdunstet. Später lasse ich mir allerdings erklären, dass bei dieser Wasserkalligrafie alles Mögliche geschrieben wird. Von tiefsinnigen poetischen Versen, bis hin zu einfachen Schreibübungen á la „Mama reitet auf einem Pferd“. Die alten Menschen versuchen durch ihre öffentlichen Schreibübungen vor allem soziale Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte zu finden. Dabei ist die Wasserkalligrafie sogar ein relativ neues Phänomen, das vor etwa 10 Jahren das erste Mal auftrat und sich seit dem immer größerer Beliebtheit erfreut.

Wasserkalligrafie

Man mag es kaum glauben, dass es sich hier nicht um eine uralte Tradition aus längst vergessenen Kaiserzeiten handeln mag. Aber daran ist auch irgendwie die rosarote Brille schuld, die man sich aufsetzt, wenn man China und besonders Peking besucht. Die Stadt ist so voll von uralter Kultur, dass es manchmal schwer fällt, das Neue zu erkennen.


Genau deswegen hoffe ich natürlich, dass der Mann, der da so angestrengt in sein Notizbuch blickt, gerade etwas unglaublich Philosophisches auf den Steinboden vor sich schreibt. Etwas über die Vergänglichkeit des Lebens oder einen bedeutenden Moment im Leben, der wie das Wasser auf dem Boden so schnell wieder verblasst und letztlich verschwindet. Manchmal bin ich einfach ein völlig verblendeter Tourist mit einer gewaltigen rosaroten Brille auf der Nase, furchtbar!


Aber letztlich ist es genau das, was mich an Peking so fasziniert: Die viel zitierte Vermischung von Tradition und Moderne ist nicht nur ein Marketingslogan, um Touristen anzulocken, sie wird hier tatsächlich vorgelebt.



22. Juli 2008

Es geht los!

Ich hätte nicht gedacht, dass es so plötzlich passieren würde, aber auf einmal ist mein Stadtteil voll mit Laowais*.


Nichts ahnend mache ich auf meinem Nachhauseweg einen Abstecher in einen Supermarkt, der auch einige ausländische Produkte führt. Ich brauche mal wieder meine obligatorische Nussnugat-Creme für mein Frühstück.


Ich schnappe mir also einen Korb und wandere durch die Reihen. Schon hier fällt mir die sehr hohe Dichte von „Blauhemden“ auf. Die rund 400.000 blau gekleideten Volunteers, die derzeit über Peking hereinbrechen, sind auch in Supermärkten tätig?!


Die Antwort folgt auf dem Fuße. Ich war wohl die ersten Minuten etwas zu abgelenkt von meiner Einkaufsliste, aber um mich herum befinden sich fast nur Ausländer! Als wäre ich zu Hause in einem Supermarkt.


Dass wir in China sind, wird mir dann aber über ihr Verhalten wieder bewusst. Vor allem, dass sie wohl gerade erst angekommen sind, wird schnell klar. Da ist nämlich dieser Blick, den sie einem zuwerfen.


Wenn man gerade erst angekommen ist in Peking, ist natürlich alles neu und der Umstand, dass man plötzlich umringt ist von Chinesen und man selbst ein Ausländer geworden ist, ist für viele ungewohnt. Das geht jedem so, der hier das erste Mal herkommt.


Das Erste, was man in so einer Situation macht, ist sich etwas Vertrautes zu suchen. In einem Supermarkt sind das dann eben andere Ausländer. Mit denen wird dann Augenkontakt gesucht, der in seiner Dauer in heimischen Gefilden wahrscheinlich als unhöflich gelten würde. Hier allerdings liest man ein klein wenig Hilflosigkeit aus den Augen der Neuankömmlinge heraus, ein „Hilfe – wo bin ich hier eigentlich?!“


Das Zweite, was in einem Supermarkt für Vertrautheit sorgt, sind natürlich die Produkte und hier decken sich die vielen jungen Ausländer mit Schokoriegeln, Chips, Crackers und Cola ein. Was mich irgendwie vermuten lässt, dass das hier wohl ein paar Amerikaner sind.


An der Kasse bin ich dann wieder verdutzt. Plötzlich spricht das Personal lupenreines Englisch und das von heute auf morgen! Die junge Chinesin begrüßt mich nicht nur freundlich, sondern instruiert ihrem Kollegen auch noch nebenbei, dass er hereinkommenden Kunden gefälligst einen Korb anbieten soll. Was dann auch gleich zu einer kleinen Diskussion führt. „Do you need a basket?!“ soll er sagen. „Basket?! Basketball?!“, der junge Mann ist verwirrt, aber er wiederholt den Satz und geht zurück auf seinen Posten.


Nachdem ich von der Kassendame höflich verabschiedet wurde, stoße ich zu einer versprengten Gruppe von jungen Ausländern, die ihre Schokoriegel in Beutel packen. Scheinbar gehören diese ganzen jungen Leute zusammen, denn sie scheinen noch auf andere zu warten.


"Volunteers?“, frage ich beiläufig ein junges Mädchen, als ich meinen Toast einpacke. Sie sieht mich mit einem etwas glasigen Blick an, als würde sie mich erst jetzt bemerken. „Yes, from the United States“, antwortet sie und wendet sich wieder ab. Etwas unfreundlich für Volunteers stelle ich fest. Allerdings wirkt die Gruppe etwas geschafft. Das und der Inhalt ihrer Einkaufstüten spricht dafür, dass sie wohl gerade erst angekommen sind und natürlich nicht ganz fit für ihre Aufgabe als Volunteer.


Ich verabschiede mich noch höflich, als ich meine Plastiktüten stemme und mich zum Gehen abwende. Sie nickt nur müde und ihre glasigen Augen wandern schon wieder zur Kasse, wo einige andere Amerikaner stehen. Auch vor dem Supermarkt steht wartend eine Gruppe Ausländer, einige haben sogar Volunteer-T-Shirts an.


Es scheint also tatsächlich loszugehen und das so plötzlich – das hatte ich irgendwie nicht erwartet. Mit einem Schlag wimmelt es hier von Ausländern, in meinem Supermarkt sprechen plötzlich alle Englisch und überall gibt es Volunteers.


Mal sehen, was mich in den nächsten Tagen noch überraschen wird.


*chinesisch für Ausländer

18. Juli 2008

Verkehrsbeobachtungen

Peking ist an sich eine sehr sichere Stadt – nur der Verkehr ist chaotisch. Für alle, die einen Besuch in Peking planen, erklär ich euch, was ihr in dieser Stadt beachten müsst: Wer hat welche Rechte? Wie schaffe ich es eine Straße zu überqueren? Welche Funktion haben hier Ampeln, wo sich do sowieso niemand dran hält? Ein kleine kleine Verkehrsfibel für Peking-Anfänger: [ high | low ]



17. Juli 2008

Alles fertig

Da kämpfe ich mich durch die Hitze des Tages, um den Cultural Plaza in Peking zu besuchen, einen der Plätze, wo während der Spiele Public Viewing erlaubt sein soll - und was finde ich nach meinem schweißtreibenden Weg vor? Eine Baustelle! Dabei hatte ich heute Morgen erst in den einschlägigen Zeitungen gelesen, dass der Plaza eigentlich fertig sein sollte.


So geht es mir in diesen Tagen regelmäßig. Ich lese die stolzen Meldungen, die Stadien sind fertig, das Olympische Dorf und die Grünanlagen - aber sehen kann ich davon nichts. Gut, die Stadien sind wirklich fertig, davon konnte ich mich ja schon vor einiger Zeit selbst überzeugen. Aber trotz aller Ankündigungen Peking sei bereit für die Spiele, ist noch nichts für die Öffentlichkeit zugänglich.


Ich bin etwas betrübt muss ich sagen, denn irgendwie würde ich gern endlich das ganze Olympische Grün erforschen und darüber berichten, aber im Moment ist noch alles zu. Auch der ebenfalls „fertige“ Olympic Forest Park ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Nur eine kleine „Testgruppe“ durfte für ein paar Tage den Park besuchen. Selbst während der Olympischen Spiele wird der Wald bis auf die Spielstätten für Tennis, Bogenschießen und Hockey für die meisten Besucher verschlossen bleiben. Nur die Athleten und 20.000 handverlesene Pekinger dürfen sich zu den Glücklichen zählen, den gewaltigen Park zu erkunden. Offiziell und dann für alle soll der Olympic Forest erst im nächsten Jahr aufmachen!


Ich kann ja verstehen, dass bis zum 8. August alles perfekt und wunderschön aussehen soll, aber ich möchte auch mal etwas sehen von Olympia und zwar aus nächster Nähe. So langsam werde ich dann doch ungeduldig, was aber nach zwei Monaten ständiger Bauarbeiten, die ich hier erleben durfte, nicht verwunderlich sein sollte. Aber in Ordnung, ich höre jetzt auf zu quengeln! Bei strahlend blauem Himmel, den inzwischen überall angebrachten Olympischen Bannern und einem majestätischen Vogelnest im Blick, bin ich für einen Moment auch wirklich versöhnt – ich kann noch warten. Aber bitte liebe Zeitungen, wenn ihr schreibt „fertig“, dann sollte es auch fertig sein.



16. Juli 2008

Schlafwagen

Das war ein langer Tag. Die Füße sind müde und tragen mich kaum noch und trotzdem schleppe ich mich die Treppen zur U-Bahn hinunter. Innerlich fluche ich, warum es hier eigentlich keine Rolltreppe hinab gibt, als ich meinen Zug einfahren sehe. Ich nehme widerstrebend meine letzten Kräfte zusammen und sprinte zum Einstieg.


Im Inneren der U-Bahn stieren mich wie üblich einige Fahrgäste neugierig an, aber der Großteil ist auch einfach nur müde wie ich. Viele sind bereits unter dem gleichmäßigen Rattern der U-Bahn eingenickt. Nur ich nicht – ich muss stehen, wie immer. In Pekinger U-Bahnen ist es eigentlich fast nie möglich zu sitzen, egal wie spät es ist. Außer natürlich man ist Rentner, Kleinkind oder schwanger, da bekommt man immer einen Sitzplatz angeboten. Ich falle leider in keine dieser Kategorien.


Also stehe ich und halte mich gelangweilt an den Haltegriffen fest, mir fallen fast die Augen zu. Die U-Bahn hat schon was von einer Wiege, sie schaukelt einen in den Schlaf. Ich döse halb vor mich hin, als ein eben noch schlafender Chinese aufspringt und mit kurzen Schritten zur Tür sprintet. Seine Haltestelle ist als Nächstes dran.


Als ich mich auf seinen noch warmen Platz setzte, frage ich mich, wie die Chinesen es immer wieder schaffen rechtzeitig aufzuwachen. Das Erste, was sie in der U-Bahn machen, wenn sie einen Sitzplatz ergattert haben ist einschlafen. Das tun sie dann mit erstaunlicher Genauigkeit bis zu ihrer Aussteigstation – unheimlich.


Bei diesem überaus wichtigen Gedankengang nicke ich ein, aber wache gleich wieder auf, als ich merke, dass sich die Dame neben mir, ebenfalls eingenickt, bequem an mir angelehnt hat. Ich stupse sie etwas weg, was sie nicht weiter stört, sie lehnt sich gleich wieder an.


Als ich mich damit abgefunden habe und selbst wieder dabei bin zu dösen, neigt sich der Fahrgast von der anderen Seite ebenfalls zu mir. Ich komme mir langsam vor wie eine Lehne, aber irgendwie ist es dann doch ganz kuschelig so. Auf der Bank gegenüber sitzen die Leute auch gegeneinandergelehnt. U-Bahn fahren in Peking kann so bequem sein.


Gerade als wir drei es uns einigermaßen gemütlich gemacht haben, höre ich irgendwo den Namen meiner Station. Bin ich etwa schon da? Gerade jetzt, wo es so bequem ist! Ich stehe vorsichtig auf und die beiden Schlafmützen rechts und links neben mir wachen kurzzeitig auf, weil ihre Lehne sich gerade verabschiedet. Nach kurzen Blicken schlummern sie aber schon wieder weiter, die Glücklichen.


Schade, dass die U-Bahn nur bis Mitternacht geöffnet ist, man kann sehr gut schlafen in den Bahnen. Aber so muss ich mich halt noch bis zu meinem Appartement und meinem harten Bett schleppen, um für heute endlich in den verdienten Schlaf zu sinken.



14. Juli 2008

Vorfahrt für Olympia

In einer Stadt, die jetzt schon aus allen Nähten platzt, könnten über 10.000 Sportler, 20.000 Journalisten und rund 500.000 zusätzlicher Olympia-Touristen schon für einen totalen Zusammenbruch des Verkehrs führen. Dies zu verhindern hat oberste Priorität beim Organisationskomitee der Spiele.


Olympische FahrspurFür den reibungslosen Ablauf der Spiele braucht man schließlich Sportler, Fans und Offizielle pünktlich bei den Wettkampfstätten. Also wurden nicht nur extra eine „olympische“ U-Bahnlinien eingerichtet, sondern auch neue Buslinien, die Hotels und Wettkampfstätten miteinander verbinden sollen. Die Besucher der Spiele sollen so punktgenau und ohne große Umwege zum Applaudieren gebracht werden.


Da Busse und auch die Shuttle-Fahrzeuge für die Athleten trotzdem die überfüllten Straßen von Peking benutzen müssen, wurden extra olympische Fahrspuren auf den wichtigsten Straßen gekennzeichnet. Die Olympischen Ringe auf der linken Spur der meist dreispurigen Straßen erinnert den Pekinger Autofahrer immer wieder daran: Bei den Spielen ist diese Fahrspur zwischen 6 und 24 Uhr tabu. Nur für offizielle Fahrzeuge und Busse der Olympischen Spiele ist sie reserviert. Olympia hat schließlich Vorfahrt! Denn trotz des wechselnden Fahrverbotes für private Fahrzeuge mit geraden und ungeraden Schlussziffern auf den Nummernschildern werden die Ringstraßen sicherlich sehr voll sein.


Olympische ZapfsäuleSelbst an manchen Tankstellen gibt es inzwischen Zapfsäulen, die nur für Olympiafahrzeuge reserviert sind. Sollten die, wie die Autobahnfahrspuren unrechtmäßig genutzt werden, gibt es für chinesische Verhältnisse hohe Busgelder. 100-200 Yuan muss der Übeltäter für das Benutzen der Olympic Lanes hinblättern. Für uns sind diese umgerechnet 10-20 Euro sicherlich nicht viel, für einen Pekinger allerdings schon.


Was wird das für ein seltsames Gefühl sein, über die großen Ringstraßen zu fahren und nicht im üblichen Stau zu stehen? Ich hoffe, ich werde es erfahren, ab dem 20. Juli wird es wohl soweit sein. Bis dahin werden mir die Taxifahrer lachend immer wieder die „Olympic Lane“ zu erklären versuchen.



10. Juli 2008

Freundliche Helfer

In Peking kann man sich recht schnell verirren, selbst bei solidem Orientierungssinn. Davon habe ich ja schon vor einiger Zeit berichtet. Die Größe und auch Fremdartigkeit der Stadt macht einem da natürlich zu schaffen, vor allem, wenn man aus dem beschaulichen Deutschland kommt.


Da es auch in anderen Ländern sehr beschaulich zugeht und die Touristenmassen, die zu den Olympischen Spielen erwartet werden, nicht ziellos in der Stadt herumirren sollen, wurden keine Kosten und Mühen gescheut, dem vorzubeugen.


Schon lange gibt es dafür in Peking kleine Telefonzellen ähnliche Geräte, wo man auf einem Touchscreen eine Stadtkarte, die nahegelegen Transportmittel und Läden abrufen kann. Diese kleinen Info-Zellen sind zwar sehr nützlich - selbst einer meiner Taxifahrer hatte sich da mal schlaugemacht, wo er hin musste - aber leider auch sehr anfällig. Viele der unzähligen Geräte sind defekt und somit wenig hilfreich. Außerdem war es für mich immer sehr abenteuerlich die Geräte auf Englisch umzustellen. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, wie ich das immer wieder schaffe.


Für Olympia dürfen solche Zustände natürlich nicht herrschen, also beruft man sich in Peking auf die Stärke, die seit jeher die Chinesen auszeichnet: pure Manpower!


Volunteers


Vor ein paar Wochen wurde begonnen überall in der Stadt kleine Würfel aufzustellen, auf denen schon in großen Lettern das Wort „Volunteer“ stand und damit ansagte was diese Boxen darstellen sollen: temporäre Touristeninformationen. In Ballungszentren und vor größeren Touristenattraktionen stehen diese Info-Boxen manchmal in Abständen von wenigen Hundert Metern.


Seit ein paar Tagen nun sind einige der Stände geöffnet worden und stehen chinesischen wie auch ausländischen Touristen zur Verfügung. In den Boxen tummeln sich zwischen vier und sechs junge Chinesen, die als menschliche Routenplaner, Übersetzter und Helfer in allen Lebenslagen fungieren sollen. Kein Tourist soll hier mit einem Fragezeichen auf der Stirn umherlaufen.


Im Moment haben die freiwilligen Helfer noch nicht viel zu tun, viele sitzen noch etwas gelangweilt in den kleinen Boxen und stürzen sich sehnsüchtig auf jeden Informationssuchenden. Leider sind diese Test-Boxen noch nicht wirklich für ausländische Touristen zu gebrauchen, da sich die Englisch sprechenden Freiwilligen wohl noch in der Ausbildung befinden. Ich habe mich bisher wegen der Sprachbarriere jedenfalls noch mit keinem der Volunteers unterhalten können.


Mit der entspannten Ruhe für die Freiwilligen dürfte es allerdings bald vorbei sein, schließlich geht es so langsam in die heiße Phase. Dann wird sich die Masse an Infoständen und Volunteers (hoffentlich auch viele Englisch sprechende) darin definitiv auszahlen.



9. Juli 2008

9 Millionen Fahrräder

Neun Millionen Fahrräder soll es ja laut eines sehr schönen Liedes in Peking geben. Das mag zwar auf den ersten Blick auf die brodelnden Straßen der Großstadt stimmen, aber in Peking fahren inzwischen nur noch ein Bruchteil der Drahtesel über das Straßenpflaster, wie es noch in den 1980er Jahren der Fall war.


Peking hat sich nach Aussagen vieler Einheimischer inzwischen von der Bikecity zur Motorcity gewandelt. 1000 neu angemeldete Autos jeden Tag sprechen da eine klare Sprache. Dennoch gehört das Fahrrad zu Peking, wie die Verbotene Stadt oder die Pekingente - und für Deutsche Verhältnisse fahren hier immer noch gewaltige Massen an Fahrrädern durch die Gegend.


Fahrradfahren im HutongFahrräder bekommt man in Peking an jeder Ecke und damit meine ich jetzt nicht Fahrraddiebstahl, sondern die überall verstreuten Fahrradverleiher. In der Innenstadt kann man sich für 10-20 Yuan (1-2 Euro) am Tag ein Fahrrad ausleihen. 400 Yuan müssen dabei allerdings als Pfand hinterlegt werden, was lustigerweise häufig den Kaufpreis des Fahrrads weit übersteigt.


So ist es für einen längeren Aufenthalt häufig sinnvoller gleich ein Fahrrad zu kaufen. Die gibt es in der Ausführung "Billig und Klapprig" schon ab 16 Euro in den Läden zu kaufen. Ein solides Rad gibt's für um die 100 Euro, das ist dann aber auch ein besonders beliebtes Ziel für Fahrraddiebe.


Das einzige was einem nun noch den Spaß an einer Radtour verderben kann, ist der sehr unübersichtliche Verkehr in Peking. Denn obwohl die Fahrradwege auf den stark befahrenen Straßen fast immer durch einen Grünstreifen abgetrennt werden, bleibt die Überquerung von Kreuzungen ein großes Abenteuer.


Fahrräder"Fahranfänger" sollten erstmal in den Hutongs üben, da gibt's sehr wenig bis gar kein Verkehr. Außerdem ist es ein ganz besonderes Gefühl durch die Altstadt auf einen klapperigen, rostigen und quietschenden Drahtesel zu fahren. In solchen Momenten liegt ein Hauch vom alten Peking in der Luft. Ein Pekingbesuch ist einfach nicht komplett ohne mindestens ein Mal mit einem Zweirad durch die schattigen Hutongs der Altstadt gefahren zu sein, vorbei an kleinen Läden und den roten Eingangstüren zu den Wohnhöfen.


Rasten kann man bequem in kleinen Kneipen oder im Schatten der alten Bäume am Wegesrand, dabei sollte man allerdings sein Fahrrad gut absperren und im Auge behalten. Manche behaupten scherzhaft, eine Fahrradtour durch die Hutongs sei nicht komplett, wenn man am Ende des Tages sein Fahrrad noch habe. Das erklärt auch, die sehr, sehr dicken Schlösser, die selbst an völlig heruntergekommenen Rostlauben hängen.


Doch das kann das Erlebnis einer Fahrradfahrt durch Peking nicht schmälern. Mit Hupen hinter dir, einen kühlen Luftzug der durch die Haare weht und "There are nine million bicycles in Beijing" pfeifend, ist es einfach eine unvergessliche Erfahrung durch Peking zu radeln.



6. Juli 2008

Sonntagswetter

Peking putzt sich so langsam wirklich heraus und inzwischen bekomme ich tatsächlich einen Eindruck, wie es sein könnte, während er Olympischen Spiele hier in Peking. Am Sonntag gab es strahlend blaues Wetter und eine unglaubliche Weitsicht. Selbst die entfernten Berge, die nördlich und westlich von Peking liegen, waren klar zu sehen.


Der Tag wirkte auf mich wie die Generalprobe für die Olympischen Spiele. Rund um das Olympiagelände hingen an den Straßenlaternen sehr schöne rot-weiße Olympia-Fahnen und das Olympische Grün war für mich das erste Mal komplett und ohne Nebelschleier zu erkennen. Das gigantische Vogelnest zog dabei natürlich alle Blicke auf sich. Die unzähligen Busse auf dem Areal erzeugten eine Stimmung, als könnte es jeden Moment losgehen mit den ersten Wettkämpfen.


Vogelnest


Vielleicht lag der Eindruck, dass dieser Tag eine Generalprobe sei, auch an der Musik, die ich beim Vorbeilaufen am Stadion hörte. Im Inneren des Stadions wird derzeit nämlich fleißig die Eröffnungsfeier geprobt. Was dort unter den wachsamen Augen des weltbekannten Regisseurs Zhang Yimou eingeübt wird, ist das derzeit bestgehütetste Geheimnis in Pek